Wälzer der Woche: „Die Gestirne“ von Eleanor Catton

Die Gestirne, Eleanor Catton, Rezension
Foto: Robert Catton/btb

BBO-Rezension: Eleanor Catton hat mit „Die Gestirne“ einen Weltbestseller geschrieben. Der opulente Historienroman ist jetzt als Taschenbuch erschienen. Wir verraten, für wen sich der Roman eignet.

Deutlich über 1000 Seiten ist der mit dem Booker-Preis ausgezeichnete Historienroman „Die Gestirne“ dick und deutet damit bereits an, was den Leser erwartet: Eine farbenprächtige, sorgfältig formulierte Geschichte, die einen ungeheuer großen Erzählkreis bietet.

Das monumentale Werk der Eleanor Catton

Alles beginnt im Jahr 1866 mit dem britischen Glücksritter Walter Moody, der mit der Bark „Godspeed“ nach schwerer Überfahrt im neuseeländischen Hokitika landet. Moody will ein neues Leben als Goldsucher beginnen.

Seine erste Station führt ihn in das heruntergekommene Crown Hotel. Im Rauchzimmer platzt Moody ungewollt in eine Versammlung von zwölf Männern ganz unterschiedlicher Coleur. Doch den Apotheker, der Betreiber der lokalen Opium-Höhle, den Hotelbesitzer, den Bankangestellten oder den Herausgeber der Lokalzeitung und andere Akteure führen merkwürdige Vorgänge zusammen, die sich kurz vor der Ankunft von Walter Moody im Ort zugetragen haben.

So ist Cosbie Wells tot in seiner Hütte aufgefunden worden. Die zwölf Männer zweifeln an der offiziellen Version, dass der als Einsiedler bekannte Goldschürfer eines natürlichen Todes gestorben ist und jeder hat andere Hinweise und Theorien. Fast zeitgleich wurde die stadtbekannte Prostituierte Anna Wetherell im Opiumrausch bewusstlos aus der Gosse gezogen. Die Obrigkeit vermutet einen strafbaren Selbstmordversuch, doch auch hier ergeben sich Ungereimtheiten.

Ungereimtheiten an der Maori-Küste

In der gleichen Nacht ist nämlich auch Emery Staines verschwunden und der ist mit seinen Goldfunden der reichste Mann der ganzen Gegend gewesen. Als dann der Besitz des verstorbenen Goldschürfers versteigert werden soll, stellt sich heraus, dass der Einsiedler offenbar reich war: In seiner Hütte sind Goldbarren im Wert von 4000 Pfund versteckt. Die Gemeinde von Hokitika ist fassungslos, als die angebliche Witwe des verlotterten Cosbie Wells auftaucht und Anspruch auf den Nachlass erhebt.

All dies scheint mit der Bark „Godspeed“ und deren undurchsichtigen Kapitän Francis Carver verknüpft zu sein, also dem Schiff, mit dem Walter Moody nach Hokitika gekommen ist. Und Moody eröffnet den zwölf Männern ein erschütterndes Erlebnis während der Überfahrt, das ebenfalls mit den merkwürdigen Vorgängen im Küstenstädtchen zu tun haben dürfte. Die zwölf Männer weihen Walter Moody ein und versuchen gemeinsam, den rätselhaften Vorgängen auf die Spur zu kommen.

Fazit: „Die Gestirne“ ist in jeder Hinsicht ein monumentales, aber auch spannungsgeladenes Werk. Eleanor Catton gelingt es einerseits, innerhalb der mehr als 1000 Seiten ein opulentes Sittengemälde zu zeichnen. Andererseits sind die Erzählungen der zwölf Männer derart clever und am Ende logisch miteinander verknüpft, dass man „Die Gestirne“ ohne weiteres auch als Spannungsliteratur sehen kann.

Trotzdem sollte und kann man „Die Gestirne“ nicht schnell lesen – zu viel würde man von Eleanor Cattons überbordender Formulierkunst übersehen. Der Stil mit fein konstruierten Sätzen passt hervorragend zum historischen Hintergrund und ist Zeile für Zeile ein Genuss.

Man liest „Die Gestirne“ nicht nur – man versinkt darin

„Es war nicht seine Art, für andere Dinge zu tun, die sie selbst ohne Weiteres tun konnten, und gesellschaftliche Manöver waren ihm in der Regel ein Graus; er zog es vor, selbst die Fäden zu ziehen und nicht die Marionette anderer zu sein“, beschreibt Catton etwa die Liebe des Gerichtsschreibers Gascoigne zur geheimnisvollen Witwe Wells. „Doch, wie inzwischen kaum mehr zu übersehen, war er auch in gewisser Weise in Lydia Wells verliebt – eine Torheit, die wirkmächtig genug war, ihn nicht nur dazu zu bewegen, gegen seine Neigungen zu handeln, sondern diese sogar zu ändern.“

Dabei gewinnt der Roman mit zunehmenden Verlauf an Geschwindigkeit: Die zu Beginn gut und gerne 50 Seiten und mehr umfassenden Kapitel werden kürzer, die Handlung beginnt sich ab der Hälfte des Buches zu überstürzen. Für Fans von schnellen Pageturnern ist „Die Gestirne“ möglicherweise zu komplex. Wer jedoch zum Beispiel Donna Tartt oder auch Juli Zeh liest, wird von Eleanor Catton begeistert sein. Man liest „Die Gestirne“ nicht nur, man versinkt förmlich darin.

„Die Gestirne“ ist bei btb erschienen (1040 Seiten, 24,9 € gebunden/14,00 € Taschenbuch/9,99 € E-Book).

 

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