Nicholas Sparks: Seit du bei mir bist

BBO-Rezension: Kaum auf dem Markt, steht Nicholas Sparks´ neuer Roman „Seit du bei mir bist“ ganz oben in den Bestsellerlisten. Doch das neue Werk des weltweit erfolgreichsten Liebesroman-Autors ist anders als seine vorherigen Bücher.

Eine Liebesgeschichte, so lehren Autorenratgeber, ist schlicht und ergreifend ein Märchen für Erwachsene. So fängt „Seit du bei mir bist“ vom großen Romance-Autor Nicholas Sparks allerdings nicht an.

Russell Green ist 34, erfolgreicher Kreativkopf in einer Werbeagentur und mit Vivian verheiratet, die selbst berufstätig ist. Zwar wünschen sich beide irgendwann in der Zukunft Kinder, doch die kleine London zeugen sie schon ein paar Wochen nach der Hochzeit.

Styling für den Kreißsaal

Russell macht dabei so ziemlich alles falsch, was ein werdender Vater so verkehrt machen kann. Beim Einsetzen der Wehen fährt er Vivian etwa nicht sofort zur Klinik, sondern macht sich erst noch zehn Minuten unter der Dusche für die zu erwartenden Geburtsfotos frisch.

Doch das Babyglück überstrahlt vorerst alle Reibereien zwischen dem jungen Paar. Bis sich Vivian entschließt, nach der Babypause nicht mehr in den Beruf zurückzukehren, sondern sich um London zu kümmern. Russ macht sich Sorgen – immerhin fällt nun fast die Hälfte des Haushaltseinkommens weg. Dennoch entschließt er sich, sich wegen seiner großen Erfolge in seiner Werbeagentur selbstständig zu machen. Das Problem: Zunächst einmal hat er keinen einzigen Kunden.

Die Rollen werden vertauscht

Die finanzielle Situation bringt Vivian wieder dazu, in ihren alten Job zurückzukehren. Plötzlich stehen die Zeichen verkehrt: Vivian ist diejenige, die für das Einkommen sorgt, und die kleine London wird von dem zunehmend überforderten Russ betreut. Die Risse in der Ehe werden tiefer. Vivian hält Russ seinen beruflichen Misserfolg vor und spielt die kleine London gegen ihren Vater aus. Weil Daddy ja nichts arbeiten würde, könnte sie Mami den ganzen Tag nicht sehen. Das mittlerweile fünfjährige Mädchen ist mehr und mehr zwischen Vater und Mutter hin- und her gerissen.

Bald wird klar, dass die Ehe zwischen Vivian und Russell besiegelt ist. Aus Liebe droht Hass zu werden und zwischen den Fronten steckt die kleine London. Doch dann überschattet ein weiterer Schicksalsschlag das Leben von Russ. Bei seiner Schwester Marge, die ihm das ganze Leben lang bereits mit weisen Ratschlägen beigestanden hätte, wird Krebs in fortgeschrittenem Stadium diagnostiziert…

„Seit du bei mir bist“ ist überraschend depressiv

Fazit: Nicholas Sparks scheint bei seinem 20. Roman seine eigene Scheidung noch gehörig in den Knochen gesessen zu haben. „Seit du bei mir bist“ ist nämlich schon von der Tonalität her anders als das, was Fans von Sparks-Romanen kennen. Statt einer romantischen Liebesgeschichte in Reinform liefert er einen Trennungsroman mit phasenweise geradezu depressiver Tendenz. Zudem dürften nicht wenige Leserinnen vom Stil des Buches unangenehm überrascht sein. Sparks schreibt nämlich anders als in seinen bisherigen Romanen wenig szenisch. Statt Protagonist eines Liebes-Märchens zu sein, ergibt sich Held Russ in seitenlangen Selbstreflexionen und Rückblenden auf Kindheits- und Jugenderlebnisse mit seiner Schwester Marge. Diese Passagen sind rein beschreibend, aber nicht erzählerisch dargestellt und lesen sich so fast wie Tagebucheinträge. Der Erzählung der langsam schleichenden Entfremdung zwischen Russ und Vivian fehlt daher auch der gewisse Spannungsmoment. Selbst die Folgen der Schicksalsschläge, die Russ ertragen muss, sind absehbar.

Nicholas Sparks liefert emotionales Patchwork

Wie immer zeigt sich Nicholas Sparks aber als hervorragender Beobachter, wenn es um Beziehungen in allen Höhen und Tiefen geht. Geradezu herzzerreißend ist vor allem Russ´ kleine Tochter London, der er als Vater Dinge wie Trennung, Sehnsucht und Tod erklären muss, die man als Erwachsener schon nicht recht in Worte kleiden kann. Insgesamt entsteht aber kein durchgängiger, flüssiger Roman, der zum Weiterlesen einlädt. Vielmehr wirkt „Seit du bei mir bist“ wie eine Patchwork-Arbeit aus Rückblenden, Monologen und Blitzlichtern auf die Gegenwart mit sich wiederholenden Situationen. Nicholas Sparks vermittelt mit diesen Elementen zwar einen tiefen Einblick in die von Selbstmitleid durchwirkte Gefühlswelt seines Helden, bleibt aber emotionale Momente zum Mitfiebern schuldig. Gegen Ende hin geht die Geschichte zumindest dann noch versöhnlich aus. Bei Fans von Nicholas Sparks werden die großen Gefühlsmomente noch lange nachwirken. Leserinnen, die Sparks noch nicht kennen, sollten zum Beispiel eher zu „Wenn du mich siehst“ greifen.

Seit du bei mir bist“ ist bei Heyne erschienen (576 Seiten, 19,99 € gebunden/15,99 € E-Book/19,99 € Audio-CD).

 

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