Klaus-Peter Wolf über „Ostfriesenkiller“: „Ich will menschliche Abgründe ausloten“

Klaus-Peter Wolf, Ostfriesenkiller
Foto: Gaby Gerster

„Ostfriesenkiller“ ist nur der Auftakt zu mehreren Verfilmungen von Krimis von Klaus-Peter Wolf. Im Interview erklärt er, dass Ostfriesland mehr ist als nur Kulisse.

Klaus-Peter Wolf ist eigentlich Wahl-Ostfriesländer und nimmt das Städtchen Norden als Schauplatz seiner Ermittlungen rund um Ann-Kathrin Klaasen. In der Verfilmung seines ersten Romans „Ostfriesenkiller“ spielt Christiane Paul die Hauptkommissarin, die im friedlichen Urlaubsort an der Nordseeküste einer Mordserie nachgeht. Da sie gerade selbst in einer tiefen Lebenskrise steckt, wird dieser Fall zu einer Bewährungsprobe mit unvorstellbarer Dimension.

Ulf Speicher (Michael Sideris) liegt mit Kopfschuss in seiner Küche. Kai Uphoff (Paul Hinrich Aeils) ist als nächster dran. Seine Leiche wird zwischen den Strandkörben gefunden. Beide wurden mit einer historischen Waffe ins Jenseits befördert.

Für Autor Klaus-Peter Wolf ist „Ostfriesenkiller“ jedoch mehr als nur ein Kriminalfall – er wollte ursprünglich einen Gesellschaftsroman schreiben. „Ich wollte ein großes Gesellschaftspanorama schreiben, angelegt auf viele tausend Seiten“, sagt Wolf. „Ich dachte, wenn man später alle Bücher nebeneinander legt, kann man sagen: So haben die damals gelebt. Das waren ihre Ängste, ihre Sehnsüchte, der Wahnsinn, der sie umgeben hat.

„Ostfriesenkiller“: Acht Fragen an Klaus-Peter Wolf

„Ostfriesenkiller“ ist das erste Buch Ihrer Krimireihe um das Ermittlerteam Ann Kathrin Klaasen, Ubbo Heide, Rupert und Weller. In Kürze wird Ihr elfter Fall veröffentlicht – eine Erfolgsgeschichte. Erinnern Sie sich noch an die Anfänge? Was war es für eine Zeit, in der Sie das Buch geschrieben haben?

Ich wollte ein großes Gesellschaftspanorama schreiben, angelegt auf viele tausend Seiten. Ich dachte, wenn man später alle Bücher nebeneinander legt, kann man sagen: So haben die damals gelebt. Das waren ihre Ängste, ihre Sehnsüchte, der Wahnsinn, der sie umgeben hat.
Ich wählte für dieses Gesellschaftspanorama den Kriminalroman, weil ich darin die Abgründe der menschlichen Seele ausloten kann. Im Kriminalroman geht es immer um die Frage nach dem Warum, dem Motiv. Deswegen sind gute Kriminalromane klar in Zeit und Raum verortet, immer gesellschaftlich relevant und spiegeln die Widersprüche, in denen wir leben.

Gab es für Ihre Hauptfiguren Vorbilder?

Ann Kathrin Klaasen hat viel von mir selbst. Ich bin zwar keine Frau, aber wie sie bin ich im Ruhrgebiet geboren und lebe als Zugereister in Ostfriesland. Ann Kathrin Klaasen wohnt im selben Viertel wie ich, in derselben Straße. Ich bin wie sie in Gelsenkirchen zum Grillo-Gymnasium gegangen und lese und sammle Kinderbücher. Auch ich rede manchmal mit Gegenständen. Sie hat auch viele Züge meiner Frau Bettina Göschl. Das hat auch die Hauptdarstellerin Christiane Paul bereits bemerkt.

Hat sich Ihre Ermittlerin im Laufe der Jahre verändert und wenn ja, wie?

Natürlich habe ich das gesamte Ermittlerteam im Laufe der Zeit besser kennengelernt. Das ist mit lebenden Menschen doch ge¬nauso. Die Beziehungen werden mit den Jahren tiefer.

„In meinen Büchern ist praktisch alles echt“

Ein ganz besonderes Merkmal Ihrer Geschichten besteht ja darin, dass es die flankierenden Figuren und Orte, Straßen¬namen und Locations in der Realität gibt, was einen ganz eigenen, besonderen Charme hat. Sind denn die Genannten immer alle einverstanden mit Ihrer Darstellung oder wurden Sie auch schon mal mit Unzufriedenheit seitens der Darge¬stellten konfrontiert?

In meinen Büchern ist praktisch alles echt. Die Lokale, die Cafés, die Straßen – es gibt das alles. Ich erzähle mein Ostfriesland. Auch viele Figuren meiner Bücher existieren wirklich, heißen so, reden so, sind so wie beschrieben.

Ich frage die Menschen vorher: „Darf ich dein Leben fiktionalisieren? Ich will dich als Typ in meine Bücher holen. Dort wirst du sein, wie du bist, aber du wirst Dinge erleben, die du nie erlebt hast. Vielleicht muss ich dir gar Schreckliches antun.“

Die meisten waren einverstanden, ja, stolz darauf. Sie führen jetzt praktisch zwei Leben. Ein echtes und ein literarisches. Zum Beispiel der Maurer Peter Grendel, der Journalist Holger Bloem, der Konditor Jörg Tapper, sind inzwischen zu so bekannten Figuren geworden, dass sie – wenn sie von Fans erkannt werden – Bücher von mir signieren müssen.

Sie haben die Erstellung eines Drehbuches an einen anderen Autor abgegeben. Ist Ihnen das schwergefallen? Warum haben Sie so entschieden?

Ich bin auf endlosen Touren und stelle meine Kriminalromane in einem literarisch-musikalischen Programm vor. Die Musik macht Bettina Göschl mit ihrer Band „Die Komplizen“. Sie hat Lieder zu den einzelnen Figuren meiner Romane geschrieben. Wir stehen mit diesem Programm an 150 bis 200 Abenden auf der Bühne. Außerdem schreibe ich jedes Jahr einen, manch¬mal sogar zwei dicke Romane. Das kann niemand anders für mich tun. Aber Drehbuch schreiben ist auch Handwerk. Ich habe die Filmarbeit beratend begleitet, habe aber dem Filmteam so weit vertraut, dass sie nun ihre eigene Vision meiner Geschichte vor¬stellen können. Den Roman „Ostfriesenkiller“ haben inzwischen mehr als 700.000 Menschen gelesen. Da hat ja jeder eine eigene Phantasie. Und nun kommt eine Filmvision dazu.

Dornkaat als Wahrzeichen von Norden

Wie war es für Sie, während der Dreharbeiten in Ihrer Wahl-Heimat zu sehen, dass den Figuren und Geschichten Leben eingehaucht wurde?

Das war ein durchaus spannender Prozess, wobei wir vereinbart hatten, dass meine real existierenden Figuren, wenn sie jetzt von Schauspielern gespielt werden, beim Casting ein Wörtchen mitzu¬reden haben. Das hat dem Film sicherlich gut getan.

Hatten Sie Gelegenheit, mit den Schauspielern über ihre Rollen zu sprechen? Gab es für Sie dadurch neue Aspekte der von Ihnen erdachten Figuren?

Natürlich habe ich lange Gespräche mit den Schauspielern über die Figuren geführt. Ich war mit der Besetzung sehr einverstanden, ja, sie entsprach meinen Wunschvorstellungen.

Teilen Sie die Vorliebe von Ann Kathrins Vater für „Doornkaat“? Was steckt hinter dieser „Gewohnheit“?

Die Doornkaat-Flasche ist ein Wahrzeichen der Stadt Norden. Ich fand das immer sympathisch. Die Geschichte der Stadt war eng mit der Firma Doornkaat verknüpft. Eine Schnapsflasche ist mir in der Tat lieber als das Reiterdenkmal eines Generals. Ich selber mag keinen Doornkaat, meine Kommissarin übrigens auch nicht. Sie trinkt ihn nur im Andenken an ihren toten Vater und schafft so eine Verbindung zu ihm. Das mag man komisch finden, aber so ist sie halt.

Das Interview führte Karin Jensen/ZDF

„Ostfriesentod“ ist als Bild-am-Sonntag-Thriller bei Eder & Bach erschienen (320 Seiten, 6,66 € Taschenbuch/9,99 € Kindle).

Hinterlassen Sie eine Antwort!