Der Preis der Leipziger Buchmesse 2017 geht an Natascha Wodin, Barbara Stollberg-Rilinger und Eva Lüdi Kong

Leipziger Buchmesse 2017, Preis der Leipziger Buchmesse 2017
Foto: Tom Schulze

Natascha Wodin, Barbara Stollberg-Rilinger und Eva Lüdi Kong erhielten heute in Leipzig den Preis der Leipziger Buchmesse 2017 in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung.

Die Jury des Preises der Leipziger Buchmesse unter der Leitung von Kristina Maidt-Zinke hatte insgesamt 365 Werke von 106 Verlagen zur Auswahl.

“Sie kam aus Mariupol” überzeugt bei der Belletristik

In der Kategorie Belletristik gewann Natascha Wodin mi ihrem Erlebnisroman “Sie kam aus Mariupol” erschienen bei Rowohlt. In der Kategerie Belletristik waren außerdem Lukas Bärfuss mit „Hagard“ (Wallstein Verlag), Brigitte Kronauer mit „Der Scheik von Aachen“ (Klett-Cotta), Steffen Popp mit „118“ (Kookbooks) und Anne Weber mit „Kirio“ (S. Fischer) nominiert.

Natascha Wodin, 1945 in Fürth geboren, ist seit 1981 freie Schriftstellerin und bereits für das Manuskript zu „Sie kam aus Mariupol“ mit dem Alfred-Döblin-Preis 2015 ausgezeichnet. Zuletzt erschienen sind von Natascha Wodin „Nachtgeschwister“ (Kunstmann, 2009) und „Alter, fremdes Land“ (Jung und Jung, 2014).

“Maria Theresia” führt bei den Sachbüchern

In der Kategorie Sachbuch/Essayistik gewann Barbara Stollberg-Rilinger mit “Maria Theresia” (erschienen bei C.H. Beck). In der Kategorie Sachbuch/Essayistik waren außerdem Leonhard Horowski mit „Das Europa der Könige“ (Rowohlt), Klaus Reichert mit „Wolkendienst“ (S. Fischer), Jörg Später: „Siegfried Kracauer“ (Suhrkamp) und Volker Weiß: „Die autoritäre Revolte“ (Klett-Cotta) auf der Shortlist.

Barbara Stollberg-Rilinger, 1955 geboren, lehrt als Professorin für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Münster und ist unter anderem Trägerin des Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preises. Sie veröffentlichte zuletzt „Rituale“ (Campus Verlag, 2013) und „Des Kaisers alte Kleider: Verfassungsgeschichte und Symbolsprache des Alten Reiches“ (C.H.Beck, 2013).

“Die Reise in den Westen” erstmals in zeitgemäßer Übersetzung

In der Kategorie Übersetzung hat Eva Lüdi Kong für “Die Reise in den Westen” (erschienen bei Reclam) gewonnen. In der Kategorie Übersetzung waren zudem Holger Fock und Sabine Müller (Übersetzung von „Kompass” von Mathias Énard aus dem Französischen (Hanser Berlin), für die Übersetzung von “Shark“ von Will Self aus dem Englischen (Hoffmann und Campe), Gabriele Leupold für die Russisch-Deutsch-Übersetzung von „Die Baugrube“ von Andrej Platonow (Suhrkamp) und Petra Strien für die Spanisch-Übersetzung von „Die Irrfahrten von Persiles und Sigismunda“ von Miguel de Cervantes (Die Andere Bibliothek) nominiert.

Eva Lüdi Kong, Jahrgang 1968 studierte Sinologie in Zürich und Chinesische Kalligrafie, Kunst und Klassische Chinesischen Literatur in Hangzhou. Dann war sie als Sprachlehrerin, Dolmetscherin und Übersetzerin tätig. Sie lebte 25 Jahre in China, arbeitete in Lehre und Forschung und widmet sich bis heute vorrangig der Übersetzung und Kulturvermittlung.

Der Preis der Leipziger Buchmesse wird in diesem Jahr zum 13. Mal vergeben und ist mit 60 Euro dotiert. Die Preisverleihung fand am ersten Messetag, dem 23. März, in der Glashalle der Leipziger Messe statt.

1Belletristik: Die Jury-Begründung für Natascha Wodin (“Sie kam aus Mariupol”)

“In „Sie kam aus Mariupol“ forscht Natascha Wodin nach den Lebensspuren ihrer ukrainischen Mutter Jewgenia – und stößt auf das Schicksal ihrer Tante Lidia. Während die Mutter 1943 mit ihrem russischen Mann als Zwangsarbeiterin in ein Leipziger Montagewerk für Kriegsflugzeuge verschleppt wurde, kam die Tante zehn Jahre zuvor in ein sowjetisches Straflager. Das ist die ungeheuerliche Parallelität, die die Familiengeschichte zerteilt.„Sie kam aus Mariupol“ ist nicht aus einem Guss, weil es angesichts der Brüche des 20. Jahrhunderts gar nicht aus einem Guss sein kann.”

“Unerhört zeitgenössisch”

“In vier hart gefügten Teilen treibt es aus unterschiedlichen Richtungen seine Stollen durch ein Massiv kollektiver und individueller Gewalt. Dieses Buch trägt auch ausdrücklich nicht die Bezeichnung Roman. Doch an der Grenze von Fiktion und Nichtfiktion, wo es angesiedelt ist, betreibt es autobiografisches Schreiben mit einem hohen Maß an Selbstreflexion und romanhaftes Schreiben auf der Grundlage von Lidias Tagebüchern. In diesem genreüberschreitenden Sinn ist es unerhört zeitgenössisch.”

“Erinnerungsarbeit als Widerstand gegen das eigene Zerbrechen: Die Rettung, die sich Natascha Wodin davon erhofft, bleibt aus. Aber die Tapferkeit, mit der sie den Dämonen ins Gesicht sieht, die sie bannen muss, hat auch etwas ungemein Ermutigendes. Davon kann sich jeder Leser von „Sie kam aus Mariupol“ überzeugen.”

2Sachbuch/Essayistik: Die Jury-Begründung für Barbara Stollberg-Rilinger (“Maria Theresia”)

“Barbara Stollberg-Rilingers große Biographie über die Habsburgerin ist tatsächlich bahnbrechend: Zum einen rückt sie eine der bedeutenden Gestalten in der europäischen Geschichte endlich in das ihr gebührende Licht. Und dieses Licht ist postmodern, so wie sie es selber formuliert. Sie sucht nicht die geheime Wurzel, den Generalschlüssel zur Person, so wie es viele Autoren oft genug versuchen und sich dabei selber täuschen.

Sie beschreibt stattdessen dieses Leben als Inszenierung eines Spiels in vielen verschiedenen, aber gleichzeitigen Rollen. Natürlich kommt auch die Liebende vor, die Frau, die Mutter von 16 Kindern, Wut, Enttäuschung, Tränen.

“Diese Biografie ist ein Meisterinnenwerk”

Aber Barbara Stollberg-Rilinger stützt sich nie auf die morsche Krücke der Psychologisierung. Es gelingt der Autorin, eine ganze Epoche durch diese Gestalt zu erschließen. Unzählige Quellen werden bezwingend von ihr arrangiert und gedeutet, Barbara Stollberg-Rilingers Stil ist glänzend, von dezenter Eleganz.

Maria Theresia ist keine Angela Merkel des 18. Jahrhunderts. Aber diese Biographie schärft dennoch unseren Blick auf Rituale und Zeremonien heute und deren Logiken. Die symbolische Ordnung und die Welt der Zeichen in unserer Gegenwart des 21. Jahrhunderts: Sie sieht man nach der Lektüre präziser, unbestechlicher gleichsam in einem anderen Licht. Mit dem Begriff „Meisterwerk“ sollte man ja lieber sorgsam haushalten. Aber manchmal wäre es ein sachlicher Irrtum, das M-Wort nicht auszusprechen. Also: Diese Biographie ist ein Meisterinnenwerk.”

3Übersetzung: Die Jury-Begündung für Eva Lüdi Kong (Die Reise in den Westen)

„Die Reise in den Westen“ ist das wohl bedeutendste, in jedem Fall das populärste Buch der chinesischen Literatur. Bis heute lebt es fort in Mangas, Filmen, Computerspielen. Wann das Buch entstand, wer sein Autor ist, das weiß man nicht; in seiner heutigen Fassung ist es rund 400 Jahre alt. Dieses Buch hat es bislang auf Deutsch nicht gegeben, höchstens in kleineren Auszügen. Dass es nun in seiner ganzen Fülle und Vielfalt vorliegt, ist das Verdienst von Eva Lüdi Kong. Es war ein Werk der Liebe, das viele Jahre in Anspruch nahm.”

“Ein Werk der Liebe, das viele Jahre in Anspruch nahm”

“Sie hat es in ein modernes, lebendiges Deutsch gebracht; aber sie hat noch mehr getan als das. Die vielen uns Europäern unverständlichen Aspekte hat sie durch einen umfangreichen Apparat erschlossen und den Kosmos der chinesischen Kultur zugänglich gemacht, mit all seinen konfuzianischen, buddhistischen, daoistischen, alchemistischen Traditionen. Frau Lüdi Kong hat 25 Jahre in China gelebt, und ohne ihre profunden Kenntnisse, Geduld und Begeisterung hätte dieses außerordentliche Projekt nicht gelingen können. Nicht nur von einer Sprache in die andere hat sie übersetzt, sondern einen Abgrund der Zeiten und Denkungsarten überbrückt, treu dem wahren Begriff der Weltliteratur als einer Literatur aus der ganzen Welt für die ganze Welt.”

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