Ursula Poznanski: Schatten

BBO-Rezension: Ursula Poznanski schickt in „Schatten“ ihr Ermittlerteam Beatrice Kaspary und Florin Wenninger zum vierten Mal gegen das Böse ins Feld. Diesmal ist der Bösewicht allerdings in keinster Weise auf der Flucht…

Was kann die traumatisierte Polizistin Beatrice Kaspary nach dem Mord an ihrer Freundin und vielen Jahren Polizeiarbeit eigentlich noch erschüttern? Man möchte meinen, nicht allzu viel. So sieht für die alleinerziehende Mutter ein weiterer Toter in ihrer Karriere – wenn auch mit durchschnittener Kehle und sorgfältig an einem Schreibtischstuhl gefesselt – fast schon nach Routine aus. Zumal sich bald herausstellt, dass der Hingerichtete zahlreiche Feinde hatte, selbst vorbestraft und ein leicht reizbarer Choleriker mit Unterwelt-Verbindungen gewesen war. Da überrascht es nicht, dass Beatrice Kaspary selbst schon einmal an einer Festnahme des jetzt Verblichenen beteiligt und tätlich angegriffen worden war.

Erst auf den Fotos der Spurensicherung fällt der Ermittlerin Merkwürdiges auf: Im Chaos der zugemüllten Wohnung findet sich eine viele Jahre alte Zeitung mit der Titelgeschichte über den nie aufgeklärten Mord an Evelyn Rieger, einer Studienfreundin von Beatrice Kaspary. Und Kaspary glaubt in der Wohnung eine Haarspange wiederzuerkennen – genau wie die, die sie damals getragen hatte, als sie in einer WG mit Evelyn gewohnt hatte. Als dann auch noch eine CD mit der Beerdigungsmusik von Evelyn gefunden wird, ist sie sicher: Der Tote muss der lange untergetauchte Mörder ihrer Freundin sein.

Schatten der Vergangenheit

Um nicht als befangen von weiteren Ermittlungen ausgeschlossen zu werden, verrät Beatrice Kaspary ihren Kollegen vorerst nichts über ihre Entdeckung und ermittelt auf eigene Faust. Nur Kollege Florin Wenninger, mit dem Kaspary liiert ist, weiß Bescheid. Im alten Tagebuch ihrer Freundin hatten die Ermittler bereits vor vielen Jahren nach dem Mord ergebnislos nach Spuren gesucht. Kaspary versucht erneut, den zahlreichen Spitznamen die Klarnamen zuzuordnen. Übrig bleibt ein geheimnisvoller „Spago“, an den sich Beatrice Kaspary beim besten Willen nicht erinnern kann.

Doch bald darauf wird eine Frau in einem Bach ertränkt. Auch diese Frau kennt die Polizistin als Hebamme, die sie selbst vor der Geburt ihrer Kinder betreut hat. Als ein Foto aus der Wohnung des ersten Opfers im Rucksack der ertränkten Frau auftaucht, ist klar, dass es sich nicht nur um eine Mordserie, sondern offensichtlich um eine perfide Schnitzeljagd handelt. Als dann auch noch der eigene Polizeichef umgebracht wird, ist die gesamte Truppe in Alarmbereitschaft. Außer Beatrice Kaspary. Die wird nämlich von einem Unbekannten entführt, der sich als Spago vorstellt…

Ursula Poznanski wieder in Hochform

Fazit: Ursula Poznanski bietet in „Schatten“ genau den Mix, der ihre drei bisherigen Kaspary/Wenninger-Romane so erfolgreich gemacht hat. Allerdings ist der Aufhänger anders als in „Fünf“ mit den Geocoaching-Morden oder bei „Blinde Vögel“ mit der Facebook-Gruppe weniger spektakulär, sondern orientiert sich am bekannten Bild des irren Einzeltäters. Dafür dreht Ursula Poznanski den Spieß diesmal um: Es geht nicht um die Frage, ob der Täter der Ermittlerin entkommt, sondern ob die Ermittlerin den Täter überlebt. Dass fast ausschließlich bekannte Motive verwendet werden, tut dem Lesevergnügen wegen Poznanskis großer erzählerischer Routine kaum Abbruch. Ursula Poznanski zeigt mit „Schatten“ endgültig, dass sie aus dem Krimi- und Thriller-Bereich nicht mehr wegzudenken ist. Ein Muss für Kaspary-Wenninger-Fans.

„Schatten“ ist bei Wunderlich erschienen (416 Seiten/14,99 € broschiert/12,99 € E-Book).

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