Wälzer der Woche: “Das Buch der Spiegel” von E. O. Chirovici

Das Buch der Spiegel, E. O. Chirovici
Foto: BBO - Bestseller Books Online

Dutzende von Verlagen hatten sich um das Manuskript zu “Buch der Spiegel” von E. O. Chirovici gerissen. Jetzt ist der Roman bei Goldmann erschienen und erweist sich als raffiniertes Intrigenspiel, wie man es selten findet.

E. O. Chirovici ist Newcomer – zumindest, was seinen Bekanntheitsgrad im Westen betrifft. Umso überraschender, dass der Rumäne mit seinem Manuskript zu “Das Buch der Spiegel” einen regelrechten Bieterwettstreit bei der Buchmesse 2015 ausgelöst hat.

Dabei hat sich Chirovici auf einen Romanaufbau eingelassen, der vielen Autoren misslingt. Er liefert die Handlung aus den teils zeitlich versetzten Perspektiven verschiedener Protagonisten. Dabei handelt es sich aber jeweils um höchst subjektive Darstellungen, die sich zunächst einander widersprechen. Die Ungereimtheiten und die Motivation der Akteure, den Ablauf individuell völlig unterschiedlich darzustellen, klärt sich aber erst im Verlauf der Geschichte auf.

“Das Buch der Spiegel” – eigentlich ein Geständnis?

E. O. Chirovici, Das Buch der Spiegel
Der Rumäne Eugen Ovidiu Chirovici ist hierzulande weithin unbekannt, hat sich aber in Rumänien längst einen Namen als Schriftsteller gemacht. Tatsächlich blickt er auf nicht weniger als elf bereits veröffentlichte Romane und zahlreiche Kurzgeschichten zurück. Sein erster Roman “Das Massaker” verkaufte sich in seiner Heimat Anfang der 90er Jahre mehr als 100.000 Mal. Doch zunächst schloss Chirovici ein wirtschaftswissenschaftliches Studium ab, um dann bei einer rumänischen Tageszeitung einzusteigen. Später arbeitete er auch vor der Kamera beim rumänischen Fernsehsender B1 TV und wurde so einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Neben seinen Romanen hatte Chirovici mehr als 1.000 Artikel und mehrere Sachbücher veröffentlicht. Erst ab 2012 hatte er sich dazu entschlossen, sich vollständig auf die Schriftstellerei zu verlegen. Er lebt und arbeitet mit seiner Frau Michaela in Brüssel. Foto: privat

Die erste höchst subjektive Darstellung hält der New Yorker Literaturagent Peter Katz gleich zu Beginn in den Händen. Ein gewisser Richard Flynn hat ihm ein Manuskript mit dem Arbeitstitel “Das Buch der Spiegel” geschickt. Der Reiz liegt für Peter Katz sofort auf der Hand. Es geht um einen nie aufgeklärten Mord an dem einst berühmten Psychologie-Professor Joseph Wieder, der bereits 20 Jahre zurück liegt. Ganz offensichtlich, so mutmaßt Katz, weiß Autor Flynn wesentlich mehr als die Polizei über den Fall. Richard Flynn war nämlich damals studentische Hilfskraft beim exzentrischen Wissenschaftler. Doch Wieder hat nicht nur in Princeton gelehrt, sondern war an geheimen Forschungsprojekten beteiligt – mit dem Ziel, die Erinnerungen des menschlichen Gehirns zu verändern. Der Literaturagent fängt sofort Feuer: Möglicherweise endet der Roman sogar mit einem Mordgeständnis – freilich ein Turbolader für jeden Buchverkauf.

Nur hat Richard Flynn lediglich ein Exposé mit einer Leseprobe geschickt. Gerade an der Stelle, wo die Handlung ins Dramatische abdriftet, bricht das Manuskript ab. Die Versuche, das gesamte Manuskript bei Richard Flynn anzufordern, scheitern. Der Verfasser stirbt in diesen Tagen an Lungenkrebs; seine Lebensgefährtin gibt vor, das Manuskript gar nicht zu kennen.

Ein Reporter greift ein

Peter Katz ist verzweifelt. Den vermeintlichen Bestseller bereits zur Hälfte gelesen zu haben, bringt ihn auf die Idee, den abgehalfterten Reporter John Keller mit Nachforschungen zu beauftragen. Katz´ Plan ist es, entweder den Rest des Manuskripts ausfindig zu machen oder anhand der bestehenden Anhaltspunkte notfalls den Roman von Keller als Ghostwriter fertigstellen zu lassen.

John Keller wiederum stoßen bereits kurz nach Beginn seiner Recherchen allerlei Ungereimtheiten auf. Dass Richard Flynn im Manuskript nicht bei der Wahrheit geblieben ist, wird schnell klar. Noch verstörender ist, dass praktisch alle Befragten in dem Fall etwas zu verbergen haben und ganz offensichtlich heilfroh sind, dass der Fall längst zu den Akten gelegt worden war.

Ein Fall, der keine Ruhe lässt

Keller befragt unter anderem auch Roy Freeman, einen mittlerweile pensionierten Detective, der damals an den erfolglosen Ermittlungen im Mordfall Wieder beteiligt gewesen war. Während Keller irgendwann entnervt die Nachforschungen aufgibt, nagt das schlechte Gewissen an Freeman. Er weiß, dass damals zu schnell Verdächtigungen ausgesprochen und Spuren verfolgt wurden und nimmt auf eigene Faust die Ermittlungen wieder auf. Doch dann geschieht etwas, was noch weniger zum Flickenteppich an Lügen, Halbwahrheiten und Erinnerungslücken zu passen scheint. Ein bereits zu Tode verurteilter Straftäter behauptet, er habe Joseph Wieder damals ermordet. Schließlich ist es Roy Freeman, dem es auf seine alten Tage gelingt, die verstreuten Puzzleteile zusammenzufügen und das alte Geheimnis zu entschlüsseln.

Viele Verdächtige, ein grandioser Roman

Fazit: E. O. Chirovici spielt mühelos mit den Perspektiven wie Paula Hawkins in “Girl on the train”, inszeniert ein Ränkespiel wie es Harlan Coben nicht besser schreiben könnte und verleiht den Charakteren eine Plastizität, die an die Figuren von Donna Tartt heranreicht. Es ist schlicht unmöglich, den Ausgang dieses faszinierenden Romans vorherzusagen. Es ist genauso aussichtslos, “Das Buch der Spiegel” nicht in einem Zug zu lesen. E. O. Chirovici, zeigt, wie Spannungsliteratur heutzutage aussehen muss. Was für ein grandioses Werk!

“Das Buch der Spiegel” ist bei Goldmann erschienen (384 Seiten, 20 € gebunden/15,99 € E-Book/18,99 € MP3-CD).

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