Anne Jacobs über “Die Tuchvilla”: “Das Familiendrama ging mir nahe”

Anne Jacobs, Die Tuchvilla
Foto: Fotostudio Marlis / Blanvalet

Alle drei Teile der “Tuchvilla”-Trilogie von Anne Jacobs sind SPIEGEL-Bestseller geworden. Im Interview erklärt sie die schwierigsten Szenen der Saga.

“Das Erbe der Tuchvilla” als dritter Teil des Epos ist dabei erst vor wenigen Wochen erschienen, hat aber von den Amazon-Rezensenten überragende 4,3 von 5 Sternen erhalten. “Hier geht es um das Schicksal der Familie Melzer während der „goldenen Zwanziger“”, erklärt Anne Jacobs. “Eine spannende, aber auch fragile Zeit, Aufbruch in Kunst und Wissenschaft, ein neues Frauenbild, erste demokratische Versuche – aber auch Inflation, Arbeitslosigkeit und letztlich der Ruf nach dem `starken Mann´.”

Die “Tuchvilla” vor der Zerreißprobe

Am schwierigsten sind für Anne Jacobs jedoch die emotionalen Szenen zu schreiben – insbesondere, als in “Die Töchter der Tuchvilla” die Ehe der Melzers zerbricht.
“Es gibt ein Familiendrama – eine Ehe wird auseinandergerissen, Kinder stehen dazwischen, ein Paar, das sich eigentlich sehr zugetan ist, gerät in eine tiefe Krise”, so Jacobs. “Nichts Ungewöhnliches, solche Schicksale finden wir zuhauf in unserer Umgebung. Und doch geht es mir immer nahe, diese Entwicklung in all ihren Auswirkungen zu gestalten.”

Aber natürlich gibt es auch Momente, an die sie sich gerne auch beim Schreiben zurück erinnert.

“Es gibt mehrere Szenen, die ich sehr gern geschrieben habe. Vor allem Kitty bringt immer Leben in das Geschehen, weil sie so wundervoll irrational ist. ” Überhaupt sind Kitty und ihre kleine Tochter Henriette die Lieblingsfiguren von Anne Jacobs: “Die beiden werden einige `Kämpfe´ miteinander austragen. Zunehmend aber auch Tilly, die ein Medizinstudium absolviert und ihre ersten Erfahrungen als Assistenzärztin in der Klinik macht. Für eine Frau war das im Jahr 1925 nicht so einfach!”

Später Einstieg in die Schriftstellerei

Anne Jacobs lebt im Taunus und studierte zunächst Musik und Sprachen, legte das 1. und 2. Staatsexamen als Gymnasiallehrerin ab, arbeitete in einem Buchladen, heiratete und bekam zwei Kinder. Irgendwann setzte sich das väterliche Erbe durch: Ihr Vater Kurt Sellnick schrieb Theaterstücke und so begann sie mit vorsichtigen Schreibversuchen.

Mittlerweile hat Anne Jacobs rund 20 Romane unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlicht.

“Die Familiengeschichte der Melzers in der „Tuchvilla“ ist eines meiner Lieblingsprojekte”, sagt Anne Jacobs. “Wie ich darauf kam? Nun, mein Großvater hat vor vielen Jahren eine Fabrik in Kassel besessen. Sie stellten keine Textilien sondern irgendwelche Innenteile für Kupferspulen her. Die Fabrik hielt sich leider nicht lange und musste bald verkauft werden, aber mein Vater hat immer wieder davon erzählt. Auch von der hübschen Villa, die mein Großvater seinerzeit hat bauen lassen und die heute noch steht …”

“Die Tuchvilla”: Autorin Anne Jacobs persönlich

Was lesen Sie selber gerne?

Romane und Kurzgeschichten, auch Lyrik, ziemlich querbeet. Ich bin eine literarische Allesfresserin.

Wer sind Ihre Lieblingsautoren?

Lew Tolstoi, Ljudmila Ulitzkaja, Dieter Kühn und Charlotte Brontë.

Wer sind Ihre liebsten Romanhelden/-heldinnen?

Sherlock Holmes, Anna Karenina, Nils Holgersson, Don Quichotte.

Möchten Sie uns 3 Bücher für die einsame Insel empfehlen?

“Die Pickwickier” von Charles Dickens, “Die unendliche Geschichte” von Michael Ende und “Die Liebe in den Zeiten der Cholera” von Gabriel García Márquez .

Was sind Ihre Hobbys, wie sieht Ihre Lebenssituation aus, Ihr Traum vom Glück? Was ärgert Sie?

Ich liebe das Landleben, brauche meine langen Spaziergänge mit Hund, um mich in der Natur zu entspannen. Glück ist für mich eine Lebenssituation, in der ich im Gleichgewicht bin, meine Fähigkeiten einsetze, mich fordere aber nicht überfordere. Vor einiger Zeit habe ich ein Hobby entdeckt, das mir einen guten Ausgleich zum Schreiben bietet: Ich nähe. Eine Beschäftigung, die ich früher immer lächerlich und überflüssig fand, doch jetzt macht sie mir großen Spaß. Vor allem können mich schöne Stoffe inspirieren. Ich nähe daraus Buchhüllen und Notizbüchlein, Sterne und Herzen, Handtaschen und Decken – je nachdem, wozu sich der Stoff eignet.

Ein Traum vom Glück? Ein Haus am Meer!

Ärgern kann ich mich über lästige Hausarbeiten wie Fensterputzen oder Fußböden wischen. Über Briefträger, die mir die Post vom Nachbarn einwerfen (und meine Post vermutlich dort) über Laubbläser, Fernsehfilme mit schlecht geschriebenen Dialogen, Hundeleckerli, die unter den Schrank rollen und mit dem Besenstiel wieder hervorgeholt werden müssen.

“Lieblingsrezept: Fertigpizza in den Backofen und bis sie gut ist auf keinen Fall zurück an den Computer gehen!”

Wie kamen Sie zum Schreiben?

Ich hatte zwei lebhafte Kinder, die mich den größten Teil des Tages in Atem hielten (teilweise auch in der Nacht). Wenn ich zwischendurch einmal ein Stündchen für mich hatte, dachte ich mir Gedichte aus. Dazu brauchte ich nur Block und Bleistift. Auch im Urlaub, wenn die Kinder am Strand spielten, hockte ich auf einem Stein und schrieb Gedichte in mein Notizbuch. Später wagte ich mich an eine Kurzgeschichte. Die habe ich mehrfach umgearbeitet und zum Schluss weggeworfen. Aber ich schrieb weiter …

Was inspiriert Sie? Wie finden Sie Ihre Themen?

Themen sind wie bunte Vögel. Sie fliegen überall herum, umschwärmen uns, picken nach uns, setzen sich uns auf die Schulter, zwitschern und piepsen. Man muss nur einen von ihnen fangen, in einen Käfig setzen und seinem Lied zuhören. So einfach ist das …

Was ist für Sie die größte Versuchung?

Heißer Apfelstrudel mit Sahne und Vanilleeis.

Verraten Sie uns Ihr Lieblingsrezept?

Fertigpizza in den Backofen und bis sie gut ist auf keinen Fall zurück an den Computer gehen!

Was ist für Sie die optimale Entspannung?

Musik und Meeresrauschen.

Haben Sie ein Lebensmotto?

Nein. Ich nehme das Leben so, wie es eben kommt.

Welche menschliche Leistung des letzten Jahrhunderts bewundern Sie am meisten?

Die Entdeckung des Penizillins.

Interview: Blanvalet

“Das Erbe der Tuchvilla” ist bei Blanvalet erschienen (672 Seiten, 9,99 € Taschenbuch/8,99 € E-Book).

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