Preis der Leipziger Buchmesse 2017: Wieder nur Ladenhüter nominiert?

Leipziger Buchmesse 2017, Preis der Leipziger Buchmesse 2017
Foto: Leipziger Buchmesse

Der Preis der Leipziger Buchmesse 2017 entwickelt sich nicht zum publikumsrelevanten Preis: Die engere Auswahl dürfte auch in diesem Jahr allenfalls Sprachwissenschaftler begeistern.

Der Preis der Leipziger Buchmesse 2017 scheint auch in diesem Jahr Autoren vorbehalten sein, die mit komplexen Romanen mehr durch Sprachverliebtheit als durch Erzählung hervorstechen. War im letzten Jahr wenigstens noch mit Heinz Strunks „Der Goldene Handschuh“ auch mal ein für Normalsterbliche lesbares Buch in der engeren Auswahl, dominiert in diesem Jahr wieder schwer Verdauliches für Literatursachverständige.

Kaum Bestsellerpotenzial beim Preis der Leipziger Buchmesse 2017

„Sie kam aus Mariupol“ von Natscha Wodin und „Kirio“ von Anne Weber – beide noch nicht auf dem Markt – scheinen da noch am zugänglichsten zu sein. Weniger Hoffnung in Punkto Lesbarkeit sollte man sich bei Brigitte Kronauer machen. Der Klappentext von „Der Scheik von Aachen“ liest sich zwar nicht uninteressant, aber Kronauer bekommt bei den Amazon-Rezensionen regelmäßig nur um die 3 Sterne für ihre Romane. Da steht Lukas Bärfuss mit bisherigen Büchern wie „Hundert Tage“ oder auch „Koala“ schon besser da. Lyriker Steffen Popp ist dem allgemeinen Publikum trotz zahlreicher Auszeichnungen offenbar weithin unbekannt. Statt schlechter Rezensionen hat Popp bei Amazon bisher fast überhaupt keine erhalten.

Sachbücher weitgehend ohne Aktualitätsbezug

Im Bereich Sachbuch/Essayistik sind „Das Europa der Könige. Macht und Spiel an den Höfen des 17. und 18. Jahrhunderts“ von Leonhard Horowski, „Wolkendienst. Figuren des Flüchtigen“ von Klaus Reichert, „Siegfried Kracauer. Eine Biographie“ von Jörg Später, Volker Weiß für „Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“ und „Maria Theresia. Die Kaiserin in ihrer Zeit“ von Barbara Stollberg-Rilinger dabei.

Die besten Übersetzungen sind nach Auffassung der Jury Holger Fock und Sabine Müller für „Mathias Enard: Kompass“ aus dem Französischen, Gregor Hens für „Will Self: Shark“ aus dem Englischen, Eva Lüdi Kong für ihre Chinesisch-Übersetzung des Klassikers „Die Reise in den Westen“, die Russisch-Übersetzerin „Andrej Platonow: Die Baugrube“ sowie Petra Strien für „Miguel de Cervantes: Die Irrfahrten von Persiles und Sigismunda“ aus dem Spanischen.

Der Preis der Leipziger Buchmesse wird am 23. März 2017 um 16 Uhr in der Glashalle vergeben. Die Preisverleihung kann im Livestream verfolgt werden.

Nominierte Autoren vor und während der Leipziger Buchmesse 2017

Die Autoren der Kategorie Belletristik beim Preis der Leipziger Buchmesse treten am 2. März im Literaturhaus Hamburg auf; eine Live-Übertragung erfolgt auf NDR und SWR. Am 8. März sind die Nominierten in der Kategorie Übersetzung im Literarischen Colloquium Berlin zu Gast. Die nominierten Autoren des Bereichs Sachbuch/Essayistik werden am 12. März in der Volksbühne Berlin vorgestellt.

Außerdem werden alle Nominierten zum Preis der Leipziger Buchmesse am 23. März 2017 auf der Messe lesen. Von 11 bis 12 Uhr sind die Belletristik-Nominierten im Literaturforum (Halle 4, E401) vor Ort. Anschließend stellen sich dort die Autoren der Kategorie Sachbuch/Essayistik vor. Ab 13 Uhr sind die Übersetzer-Nominierten im Forum International im Übersetzerzentrum (Halle 4, Stand E500) zu hören.

Preis der Leipziger Buchmesse 2017: Die Nominierten des Bereichs Belletristik

1. Lukas Bärfuss: „Hagard“

In „Hagard“ folgt Philip aus einer Laune heraus einer Frau durch die Stadt. „Auf den Spuren eines Verfolgers, der einer rätselhaften Obsession gehorcht, zieht uns Lukas Bärfuss in den atemlosen, seltsam unheimlichen Sog einer Stadt-Odyssee“, so die Begründung der Jury. „Ein szenisch kunstvoll konstruierter Psycho-Noir, der heutige Lebenswelten schräg bis surreal beleuchtet.“

„Hagard“ erscheint beim Wallstein Verlag (171 Seiten, 19,90 € gebunden).

2. Brigitte Kronauer: „Der Scheik von Aachen“

Für ihre große Liebe Mario kehrt Anita Jannemann in ihre Heimatstadt Aachen zurück. Doch was ist Liebe, was nur Schwärmerei? Die Jury zum Werk: „Sie ist die Löwenbändigerin der deutschen Syntax, ihr Stil gleichermaßen mündlich wie brillant. Szenenstark erzählt Kronauer von Technik und Verwilderung, Trümmerlandschaften und Fluchtbewegungen und von den tollkühnen Sprachexzessen, die Liebende und Trauernde teilen.“

„Der Scheik von Arabien“ ist bei Klett-Cotta erschienen (399 Seiten, 22,95 € gebunden/17,99 € E-Book).

3. Steffen Popp: „118“

Ein Gedichtband, dessen Titel auf den 118 bekannten chemischen Elementen basiert. Popp wundert sich lyrisch über die Vielfalt der Gegenstände, die aus so wenigen Elementen entstanden sind. „Die Welt in ihrer Komplexität und Fülle ist aus nur 118 chemischen Elementen aufgebaut“, heißt es in der Begründung der Jury. „Steffen Popp hat seinem Erstaunen über diesen Kontrast, über das Viele, das aus so wenigem entsteht, in 118 Gedichten leichten und schwungvollen Ausdruck verliehen.“

„118“ erscheint am 20. Februar 2017 bei kookbooks (144 Seiten, 19,90 € Taschenbuch).

4. Anne Weber: „Kirio“

Kirio ist mal ein interessant wirkender Charakter: Er läuft gern auf den Händen, spielt Flöte, redet mit Steinen und Fledermäusen und vollbringt Wunder über Wunder ohne es zu merken.
„Wer ist Kirio – und wer spricht?“ fragt sich die Jury. „Nichts ist sicher in diesem funkensprühenden Roman, der von einem Wunderwesen und dessen Wanderungen quer durch Frankreich bis nach Deutschland erzählt. Ein moderner Schelmenroman voller Sprachphantasie und Komik.“

„Kirio“ erscheint am 20. Februar 2017 bei Fischer (224 Seiten, 20 € gebunden/18,99 € E-Book).

5. Natascha Wodin: „Sie kam aus Mariupol“

Mit „Sie kam aus Mariupol“ hat die Jury auch den obligatorischen Roman zur Nazi-Zeit gefunden. Natascha Wodin erzählt die Geschichte ihrer Mutter, die als junge Frau den Untergang ihrer Adelsfamilie unter Stalin erlebt und 1944 von den Nazis als Zwangsarbeiterin nach Deutschland verschleppt wird.
Die Jury: „Natascha Wodin forscht nach ihrer Mutter, die im Zweiten Weltkrieg aus der Ukraine nach Deutschland deportiert wurde. Eine literarische Biographie, die an die Geschichte der Zwangsarbeiter erinnert, und eine persönliche Spurensuche, die dem Verlorenen eine Sprache gibt.

„Sie kam aus Mariupol“ erscheint am 17. Februar 2017 bei Rowohlt (368 Seiten, 19,95 € gebunden/16,99 € E-Book).

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