Axel Hacke: Die Tage, die ich mit Gott verbrachte

BBO-Rezension: Axel Hacke zeigt mit „Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“, dass eine vermeintlich kleine Geschichte eine ungeheuer große Wirkung entfalten kann.

Was wäre, wenn Ihnen plötzlich die Welt auf den Kopf fällt? Zum Glück kommt es soweit nicht mit dem Protagonisten in Axel Hackes Erzählung „Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“. Unser Held, ein braver Familienvater, lebt in einer phantastischen Parallelwelt, deren Umgebung und Wesen nur er wahrnimmt. So verwundert es nicht, dass er sich einen Büro-Elefanten mit einer Schulterhöhe von gerade einmal 25 Zentimetern hält, sich sein eigenes Spiegelbild im Zugfenster verselbstständigt und er schließlich von einem seltsam gewandeten alten Mann gerettet wird, als ihn ein im Streit aus dem Fenster geschleuderter Globus zu erschlagen droht.

Gott ist bei Axel Hacke nicht perfekt

Der überraschend agile Greis stellt sich als Gott vor – was unseren an Einbildungskraft reichen Familienvater nicht einmal übermäßig überrascht. Vielmehr nutzt er die Gelegenheit, den Allmächtigen nach dem Sinn und Unsinn des Universums zu befragen.
Nun erweist sich Gott nicht gerade als Perfektionist. Vielmehr ist ihm bei der Erschaffung der Menschheit der eine oder andere Lapsus unterlaufen, wie er kleinlaut einräumt. Dass viele Menschen nicht an ihn und seine angebliche Allwissenheit glauben, stört ihn dagegen weniger. Selbst Gebete nimmt der Herr nur bedingt ernst. „Weil die Menschen, wenn sie mit Gott reden, vor allem mit sich selbst reden“, erklärt der Schöpfer. „An mir sind sie nicht interessiert, nur an den Gott, den sie sich erfunden haben.“

Dafür glaubt Gott seinerseits nicht nur an die Menschen, nein, er beneidet sie sogar, und zwar nicht nur um ihr Leben, sondern auch um Leid und Tod. Er habe, so lässt er den Familienvater wissen, das Böse geschaffen, weil er gedacht habe: Wie sollte man das Gute erkennen, wenn es das Böse nicht gäbe?

„Das Schöne“, begründet Gott seine Vorgehensweise, „wäre vielleicht noch viel schöner, wenn es bedroht wäre. Wenn es also etwas richtig Fieses gäbe, etwas, das uns durch seine schiere Existenz erst deutlich macht, was Schönheit wirklich bedeutet.“

„Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“ ist eine Delikatesse

Gott und unser Held wandern nun durch München, und vom Isarpark bis zum Viktualienmarkt entsteht eine surreale Traumwelt, die nur unser philosophierendes Duo wahrnimmt. Gott ist sicher: „Der Mensch ist das einzige Wesen, das zum Unmenschlichen fähig ist!“ Und doch sei der Mensch bestrebt, etwas Gutes zu tun, da der Kern der Existenz „Das große Egal“ ist. So strebe der Mensch stets danach, durch große Taten eben nicht egal zu sein und durch die Veränderung der Welt in Erinnerung zu bleiben.

Fazit: Es bedarf keines dicken Wälzers, damit ein Buch lange nachklingt, sondern eines begnadeten Autors, um diese Magie zu entfalten. Genau damit haben wir es bei Axel Hacke zu tun. Auf nur wenig mehr als 100 Seiten verzaubert er mit einer phantastischen, außerordentlich hintergründigen Erzählung, die ganz entscheidenden Fragen nachgeht: Wenn es Gott gibt, warum lässt der Allmächtige so viel Leid geschehen?

Axel Hacke inszeniert einen durchweg klugen Dialog zwischen dem in seiner Phantasie gefangenen Familienvater und Gott selbst. Die stimmungsvollen Illustrationen von Michael Sowa sind dabei nicht nur Verzierung, sondern unterstützen das Vorstellungsvermögen gerade der surreal anmutenden Sequenzen ebenso subtil wie wirkungsvoll. „Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“ ist eine Delikatesse, die man nicht einfach so liest, sondern sich auf der Zunge zergehen lassen kann.

„Die Tage, die ich mit Gott verbrachte“ ist beim Verlag Antje Kunstmann erschienen (102 Seiten, 18 € gebunden/14,99 € E-Book).

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