T. C. Boyle: Die Terranauten

BBO-Rezension: Mit “Die Terranauten” legt T. C. Boyle einen für seinen Stil ungewöhnlichen, aber nicht minder lesenswerten Roman vor.

T. C. Boyles neuester Roman “Die Terranauten” basiert ähnlich wie “Wassermusik” auf tatsächlichen historischen Gegebenheiten. So erzählt Boyle diesmal ein aufsehenerregendes Experiment neu, das in den 90er Jahren tatsächlich so stattgefunden hat. Damals wurde in der Nähe des texanischen Tucson mit BioShpere 2 eine geschlossene Glaskuppel gebaut, in der ein autark existierendes Ökosystem geschaffen werden sollte.

Big Brother im Sinne der Wissenschaft

In dieser Glaskuppel sollten acht Wissenschaftler zwei Jahre lang ohne Kontakt zur Außenwelt überleben. Das von der NASA beobachtete Experiment ging aus technischen Gründen wie etwa Sauerstoffverlust oder Ungezieferplagen schief. Aber auch die Streitereien unter den Besatzungsmitgliedern waren auffällig, und da setzt T. C. Boyle mit seinem neuen Roman “Die Terranauten” an.

Nur wenig von der Wirklichkeit entfernt, heißt das Projekt in T. C: Boyles Version Ecosphere 2 und wird von einem milliardenschweren Gönner finanziert. Der wählt acht Wissenschaftler unter Tausenden von Bewerbern aus. Der Leser steigt genau in der Phase des Hoffens und Bangens um einen Platz im Projekt ein. Das Geschehen wird aus der Perspektive der hübschen Dawn, des Frauenhelden und Egomanen Ramsey und Linda geschildert, die schließlich das Experiment von draußen beobachten muss.

T. C. Boyle mit ungewöhnlicher Tonalität

So lässt Boyle im Roman natürlich ganz ähnliche Probleme wie in der Realität. So sinkt der Sauerstoffgehalt unter der gigantischen Glasglocke bald auf ein derart niedriges Niveau, dass Gefahr für die Besatzung besteht. Doch viel schwerer wiegen die menschelnden Effekte im Team. Da der Leser bereits von Anfang an durch die verschiedenen Erzählperspektiven ins Innenleben der Protagonisten eingeführt wird, ist es von vornherein vorhersehbar, dass das Projekt mit Pauken und Trompeten scheitern muss. Und gerade Geschichten des Scheiterns sind Boyles Spezialität: Mit geübter Hand treibt er seine Helden immer weiter in die Katastrophe, die ihren vorläufigen Höhepunkt findet, als Dawn schwanger wird.

Die Terranauten treiben sich ins Chaos

Fazit: T. C. Boyle bleibt sich insofern treu, als dass er wieder einmal die Geschichte von Verlierern erzählt. Die Tonalität hat aber zunächst nichts vom Boyle-typischen Augenzwinkern, da abwechselnd die Ich-Perspektiven der Helden genutzt werden. Der Reiz kommt vielmehr von der von Boyle aufgebauten Gesamtsituation: Es ist stets klar, dass Mission Control den menschlichen Faktor in keinster Weise ausreichend berücksichtigt hat und das Projekt scheitern muss. Die Frage ist nur, wie. Und genau darauf findet T.C. Boyle Antworten.

“Die Terranauten” ist anders als “Wassermusik” oder auch “Grün ist die Hoffnung”, aber nicht minder lesenswert. Ein klug beobachtetes und erzähltes Buch.

„Die Terranauten“ ist beim Hanser Verlag erschienen (608 Seiten, 26 Euro gebunden, 19,99 € E-Book, 24,99 € MP3 CD).

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