Johanna Wokalek über “Landgericht”: „Die Rolle ist ein Geschenk für eine Schauspielerin“

Johanna Wokalek, Landgericht, ZDF
Johanna Wokalek spielt in "Landgericht" Claire, die verzweifelt ihre Kinder wiederfinden muss. Foto: ZDF

Johanna Wokalek hat in der Rolle der Claire in der Verfilmung von Ursula Krechels “Landgericht” überzeugt. Im Interview  spricht sie über die Herausforderung, mit sparsamen Mitteln Emotionen darzustellen.

„Landgericht” von Ursula Krechel ist ein preisgekrönter Bestseller, der auf einer wahren Geschichte basiert. Wie geht man als Schauspieler mit der Darstellung historisch angelegter Stoffe um? Verspürt man so etwas wie eine besondere Form der Verantwortung?

Johanna Wokalek: Natürlich war mir bewusst, dass Claire in diesem Film mein Gesicht hat, dass durch mich heute viele Menschen an ihrem Leben und Schicksal teilnehmen können. Darum habe ich versucht, mich ganz auf ihre Lebensgeschichte einzulassen und mich rückhaltlos in sie hineinzuversetzen. Ihre Geschichte berührt mich zutiefst, weshalb ich mich bei der Darstellung auch nicht schonen konnte.

Kannten Sie den Roman „Landgericht” schon vorher? Was fanden Sie an dem Drehbuch überzeugend?

Johanna Wokalek, Richard Zehnfelder, Landgericht, ZDF
Richard (Ronald Zehrfeld) und Claire (Johanna Wokalek) sehen sich nach langen Jahren der Trennung wieder. Foto: ZDF

Johanna Wokalek: Nein, ich kannte den Roman vorher nicht. Ich habe ihn allerdings auch noch während des Drehens immer wieder gelesen. Mit Hilfe des Romans konnte ich sehr gut das Vergehen von Zeit nachempfinden. Wir erzählen mit dem Film eine Familiengeschichte über einen langen Zeitraum. Mich hat am meisten berührt, was es bedeutet, in einem Menschenleben immerzu zu hoffen, ohne dass sich die Hoffnung einlöst. Das ist ein unerträglicher, quälender, auch entwürdigender Zustand. Die Kornitzers hoffen ein Leben lang darauf, wieder zueinanderzufinden, eine Familie zu sein. Sie glauben noch daran, dass ihnen Gerechtigkeit widerfährt, darum kämpfen sie unermüdlich. Aber es ist ihnen dadurch nicht möglich, im „Jetzt” zu leben. Sie verpassen ihr Leben. Sie wurden durch den Nationalsozialismus brutal und vollkommen unverschuldet in diesen Zustand gestoßen. Dadurch, dass sich das Drehbuch, eigentlich unspektakulär, auf diese Familie konzentriert, erfährt man aus diesem eigentlich sehr überschaubaren Personenkreis heraus, was die Grundrechte des Menschen sind, und was es bedeutet, wenn diese missachtet werden. Das Drehbuch hat diesen Konflikt überzeugend und manchmal geradezu erschütternd herausgearbeitet.

Johanna Wokalek als moderne Ehefrau der 30er Jahre

Wie würden Sie die Beziehung des Ehepaares Kornitzer beschreiben?

Johanna Wokalek: Schon damals waren sie ein „modernes” Paar. Beide waren voll berufstätig, trotz der Kinder. Ich stelle mir vor, dass sie sich als gleichberechtigte Partner empfunden haben, die sich auf Augenhöhe begegnet sind. Beide sehe ich als sehr starke, unabhängige Charaktere, dafür lieben und schätzen sie sich. Das bringt allerdings auch Schwierigkeiten mit sich, denn jeder beansprucht für sich seinen Freiraum. Nach der 10-jährigen Trennung haben sie Angst davor, wirklich miteinander zu sprechen. Ich verstehe diese Angst sehr gut. Sie haben schon so viel erlebt und verloren bis zu dem Moment, in dem sie sich wieder begegnen. Weil sie beide sehr klug sind, wissen sie, was ein falsches Wort bedeuten kann. Sie haben nicht den Mut, offen miteinander zu sprechen, aus Furcht, sich vollends zu verlieren.

Als „Die Päpstin” oder Gudrun Ensslin im „Baader Meinhof Komplex” haben Sie bereits besondere Frauenfiguren verkörpert. Wie würden Sie Claire Kornitzer beschreiben? Was zeichnet sie aus? Wie haben Sie sich auf diese Rolle vorbereitet?

Johanna Wokalek, Landgericht, ZDF
Richard (Ronald Zehrfeld) wird in Mainz eine Stelle als Richter antreten. Ehefrau Claire (Johanna Wokalek) bleibt zunächst jedoch zurück im Schwäbischen. Foto: ZDF

Johanna Wokalek: Claire Kornitzer ist für mich eine kluge, selbstbewusste und starke Frau. So hat sie auch Heide Schwochow im Drehbuch wunderbar von allen Seiten beleuchtet. Diese Rolle ist ein Geschenk für eine Schauspielerin. Claire muss immerzu einem inneren Konflikt standhalten: nämlich, ob es richtig war, die Kinder nach England zu verschicken, um sie zu retten, aber dadurch zu riskieren, den Kontakt zu verlieren und nicht mehr die Mutter ihrer Kinder zu sein? Mit dieser inneren Zerrissenheit muss sie leben.

Claire Kornitzer zeichnet aus, dass sie ihren Mann Richard in seinem Streben nach Gerechtigkeit versteht und unterstützt. Auch wenn sie räumlich getrennt sind, bleibt sie ihm innerlich immer verbunden. Dabei ist sie klug genug, nicht zu meinen, sie könne ihn ändern. Ich bin überzeugt davon, dass sie ihn liebt. Aber am Ende ihres Lebens ist sie müde und erschöpft. Sie muss feststellen, dass es ihnen nie wieder gelungen ist, nach der langen Trennung das Paar zu sein, das sie vorher waren.

Ein Leben lang kämpft Claire um die Liebe ihrer Kinder und ihres Mannes. Es ist, als wolle sie die Erinnerung an ihr gemeinsames Familienleben, vor dem Riss durch den Krieg, wieder in der Realität lebendig werden lassen. Davon kann Claire nicht los-kommen. So verfolgen beide, Claire und Richard, unermüdlich ihr eigenes Ziel. Dadurch leben sie nebeneinander, aber nicht miteinander.

“Landgericht” war nicht einfach zu spielen

Dass sie vollkommen unverschuldet in diese Situation geraten sind, macht die Katastrophe und Tragik ihres Lebens aus. Nachdem ich das Drehbuch und den Roman gelesen hatte, wurde mir klar, dass die Rolle der Claire zu spielen eine große Herausforderung bedeutet: Claire gerät immer wieder in innere Konfliktsituationen, muss aber äußerlich stark sein. Das ist nicht einfach zu spielen. Da muss man sich jeden Drehtag neu in diese oftmals sehr emotionalen Szenen fallen lassen können. Ich habe versucht, so offen und durchlässig wie möglich zu sein, um die Ambiguität und Vielschichtigkeit ihres Charakters aufscheinen zu lassen.

Wie empfanden Sie Zusammenarbeit mit Regisseur Matthias Glasner?

Johanna Wokalek:  Für mich war die Zusammenarbeit mit Matthias Glasner etwas ganz Besonderes, weil ich ihm voll vertrauen konnte. Ich hatte sehr schnell das Gefühl, dass wir die gleiche Geschichte erzählen wollen. Etwas Schöneres kann einem mit einem Regisseur nicht passieren. Matthias ist streng und emphatisch zugleich. Das war sehr hilfreich, weil ich mich doch in gewisser Weise Claire, so wie ich sie sehe, voll überlassen wollte. Außerdem ist er wirklich gut vorbereitet und weiß, was er will. Ich hatte immer das Gefühl, er hat, so wie ich, dafür gekämpft, dass seine innere Vorstellung sichtbar wird.

Interview: Julia Kainz

Teil 2 von “Landgericht” wird am 31. Januar um 20:15 im ZDF gesendet. Beide Teile sind jetzt in der Mediathek online verfügbar. Hier finden Sie alle Infos zum ZDF-Zweiteiler.

Das Buch von Ursula Krechel ist bei btb erschienen (512 Seiten, 29,99 € gebunden/12,99 € Taschenbuch/9,99 € E-Book, 19,99 € Hörbuch).

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