Paulo Coelho über “Die Spionin”: “Mata Hari war Tag und Nacht bei mir”

Paulo Coelho, Die Spionin
Foto: Niels Ackermann

Paulo Coelho hat mit “Die Spionin” einen autobiografisch zu lesenden Brief-Roman über Mata Hari veröffentlicht. Im Interview verrät der Autor, was ihn an Mata Hari fasziniert.

“Die Spionin” heißt der neue Roman von Paulo Coelho und überrascht mit einer ungewöhnlichen Herangehensweise. Erstmals veröffentlicht Coelho einen Roman in Briefform. Das Gespräch mit Paulho Colleho verrät, wie tief er in die Geschichte der holländischen Agentin eingestiegen ist.

Paulo Coelho war fasziniert von der Femme fatale

Wer war Mata Hari, und warum wollten Sie über sie schreiben?

Paulo Coelho: Andererseits habe ich mich in die Haut Mata Haris versetzt und das Buch in der Ichform als langen fiktiven Brief aus ihrer Feder geschrieben. Da sind die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Phantasie zwangsläufig fließend. Ich denke jedoch, dass ich ihrer Art zu denken sehr nah gekommen bin. Vor etwa zwei Monaten machte ein niederländisches Museum einige erst kürzlich gefundene Briefe zugänglich, die Mata Hari als junge Frau schrieb, ehe sie ihrem Mann nach Niederländisch Ostindien (dem heutigen Java) folgte, und ein niederländischer Kritiker fand, ihm käme es so vor, als sei ich ihr Medium gewesen.

Die Spionin als Ikone der Hippie-Bewegung

Mata Hari war mit ihren extravaganten Kleidern eine der Ikonen der Hippiebewegung – das böse Mädchen, die Außenseiterin, die geheimnisvolle Fremde –, wir fanden sie jedenfalls damals alle unglaublich faszinierend. Vierzig Jahre später brachte mein Anwalt bei einem Abendessen in Genf das Gespräch auf die vielen zu Unrecht im Ersten Weltkrieg zum Tode Verurteilten, von denen wir erst heute erfahren, weil jetzt nach und nach geheime Kriegsakten der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, so auch die des Prozesses gegen Mata Hari. Mein altes Interesse wurde wieder geweckt, und ich habe dann zu Hause angefangen, im Internet über sie nachzulesen.

Wie sind Sie bei den Recherchen zu ihrem Leben und ihrer Epoche vorgegangen? Was hat Sie dabei am meisten überrascht?

Paulo Coelho: Mich hat vor allem überrascht, dass diese Frau, die immer wieder sexuellen Missbrauch und Gewalt erlebt hatte, sich mit zwanzig aus diesem Leben befreien und zu der werden konnte, die sie am Ende war. Was die Zeit, in der sie lebte, angeht, so war die Belle Époque eine Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten. Das fand ich spannend, und ich habe mich bemüht, dem Leser, ohne ihn mit Fakten zu überhäufen, eine Vorstellung der Zeit zu vermitteln, in der meine Hauptfigur lebte. Dabei steht sie jedoch immer im Mittelpunkt meines Buches.

Viel geschichtliche Recherche

In Ihrer Nachbemerkung schreiben Sie, das Geschehen im Buch beruhe auf wahren Begebenheiten. Welche Freiheiten haben Sie sich genommen?

Paulo Coelho: Einerseits hält sich das Geschehen nah an die historischen Fakten, übernimmt die Reihenfolge der Ereignisse. Andererseits habe ich mich in die Haut Mata Haris versetzt und das Buch in der Ichform als langen fiktiven Brief aus ihrer Feder geschrieben. Da sind die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Phantasie zwangsläufig fließend. Ich denke jedoch, dass ich ihrer Art zu denken sehr nah gekommen bin. Vor etwa zwei Monaten machte ein niederländisches Museum einige erst kürzlich gefundene Briefe zugänglich, die Mata Hari als junge Frau schrieb, ehe sie ihrem Mann nach Niederländisch Ostindien (dem heutigen Java) folgte, und ein niederländischer Kritiker fand, ihm käme es so vor, als sei ich ihr Medium gewesen.

Mata Hari als Star

Wie fühlte es sich für Sie an, als Mata Hari zu schreiben?

Paulo Coelho: Sie wich mir Tag und Nacht nicht mehr von der Seite, war während meiner Lektüre über ihre Epoche bei mir. Nach und nach wurde mir klar, wie sie gestrickt war, ich konnte mich mehr und mehr in ihre Gefühle und ihr Denken versetzen und daher die Beweggründe für ihr Handeln nachvollziehen.

Mata Hari war ein Star mit dem Ruf einer femme fatale. Mit Talent und einem Hang zu mystifizierenden Lügenmärchen schaffte sie es, berühmt zu werden. Was kann man von dieser komplexen Frauenfigur lernen?

Paulo Coelho: Erstens: Dass die Verwirklichung eines Traums ihren Preis fordert. Zweitens: Dass man darauf gefasst sein muss, angegriffen zu werden, wenn man es wagt, anders zu sein. Drittens: Dass es auch in einer feindlichen (von Männern bestimmten) Welt Mittel und Wege gibt, sich zu behaupten.

Was hat letztlich dazu geführt, dass Mata Hari zum Tod durch Erschießen verurteilt wurde? Hätte sie nicht auch anders enden können?

Paulo Coelho: Ich spekuliere nie über Ereignisse, die bereits geschehen sind. Mata Hari nahm ihr Schicksal an, darauf kommt es an.

Interview: Diogenes

“Die Spionin” ist bei Diogenes erschienen (192 Seiten, 19,90 € gebunden/16,99 € E-Book).

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