Noah Hawley: Vor dem Fall

“Vor dem Fall” von Noah Hawley ist laut Verlag “ein großer Gesellschaftsroman in der Tradition von Tom Wolfes Weltbestseller `Fegefeuer der Eitelkeiten´”. Ob´s stimmt, zeigt die BBO-Rezension.

Noah Hawley ist Produzent von Erfolgsserien wie “Bones – Die Knochenjägerin” oder auch die Episoden-Adaption des Kult-Films “Fargo”. Das lässt natürlich auf die Qualität seines zweiten Romans “Vor dem Fall” hoffen.

Noah Hawley schürt die Spannung, kein “Fegefeuer der Eitelkeiten”

“Vor dem Fall” wird dabei auf dem Klappentext mit Tom Wolfes “Fegefeuer der Eitelkeiten” verglichen. Mit dem opulenten Sittengemälde dieses Weltbestsellers hat der Roman aus den Händen des Hollywood-Drehbuchautors allerdings nichts zu tun. Sei´s drum. Noah Hawley liefert einen Thriller mit jeder Menge Spannung, mitunter erinnerungswürdigen Dialogen und einem szenischen Aufbau für ein über weite Strecken nahezu perfektes Kopfkino.

Dabei führt der Autor durchaus unterhaltsam ins Ambiente der Reichen und Schönen ein. Der alternde Scott Burroughs steht als Maler schon seit längerer Zeit kurz vor dem Durchbruch. Auf der Luxus-Ferieninsel Martha´s Vineyard vor der Küste von Massachusetts fristet er selbst zwar ein bescheidenes Dasein, lernt aber zumindest betuchtes Klientel kennen. So lädt ihn die Gattin des TV-Moguls David Bateman ein, statt einer preiswerten Fähre im Privatjet zu einem Termin nach New York zu fliegen.

Eine verhängnisvolle Reise

Der Flug endet jedoch verhängnisvoll: Kurz nach dem Start stürzt der Jet ins Meer. Nur Scott Burroughs und JJ, der vierjährige Sohn der Batemans, überleben. Zwar gilt Burroughs nach der Rettung von JJ aus den eisigen Fluten in den Medien als Held. Doch die Unglücksursache bleibt lange im Dunkeln. Bald spinnen die Reporter die krudesten Verschwörungstheorien. Dabei gerät sogar der medienscheue Künstler selbst ins Zwielicht: Alleine die Tatsache, dass er sich nur ungern vor Kameras zeigt, macht ihn für die Journalisten verdächtig. Als noch herauskommt, dass Burroughs ausschließlich Bilder von Katastrophen malt, freilich ist auch ein Flugzeugabsturz darunter, hat die Medienmeute endgültig Blut geleckt.

Schon “Vor dem Fall” hat keiner eine reine Weste

Während sich Burroughs mehr und mehr den Anfeindungen von Sensationsreporter Bill Cunningham ausgesetzt sieht, blendet Noah Hawley szenisch in die Vergangenheit vor dem Absturz.

So erfährt man von allerlei Leichen im Vorleben der Passagiere: TV-Mogul David Bateman wagt sich nach einer gescheiterten Entführung seiner Tochter nur noch mit Personenschutz aus dem Haus. Dessen reicher Freund Ben Kipling ist im Visier der US-Börsenaufsicht und steht im Verdacht, über Offshorefirmen Geld verschiedener Schurkenstaaten zu waschen. Die Crew wiederum hat ihre Tricks, um bei Drogentests der Fluggesellschaft nicht aufzufallen und kocht ihr ganz eigenes Beziehungssüppchen.

Scott Burroughs dagegen versucht, den Absturz zu verarbeiten. Seit dem traumatischen Erlebnis ist der vierjährige JJ verstummt. Sein Retter ist allerdings der einzige, der JJ zum Sprechen bringt und so besucht er ihn bei seiner Tante Eleanor, die ihn aufgenommen hat. Das liefert den Medien noch mehr Futter für Spekulationen, da JJ nach dem Tod seiner Eltern ein Millionenerbe ist. Tatsächlich brütet aber nur Eleanors Mann Doug als gescheiterter Restaurantbetreiber darüber, wie er an das Geld kommen kann.

Wochen vergehen mit der medialen Jagd auf Scott Burroughs, bis Taucher endlich den Flugschreiber und die entscheidenden Trümmerstücke des Flugzeugwracks aus dem Meer bergen können. Die Ermittler stellen eine Unglücksursache fest, die die wenigsten erwartet hätten…

Unglaublich spannend – bis zum banalen Schluss

Fazit: Noah Hawley versteht es, durch die jeweiligen Perspektiven der Protagonisten unerhörte Spannung aufzubauen. Da hat jeder Passagier seine Geheimnisse und Gegner. Selbst unter der Crew besteht eine fragile Allianz, die nur durch die erzwungene Professionalität fliegenden Personals zusammengehalten wird.

Noch dazu würzt Sensationsreporter Bill Cunningham die behördlichen Ermittlungen mit allerlei Verschwörungstheorien. So hält der Autor bis zum Schluss praktisch alle Optionen offen und den Leser bei der Sache.

Hawleys Qualitäten als Drehbuchautor blitzen insbesondere bei den Dialogen auf. Die Gespräche treiben nicht nur die Handlung voran, sondern illustrieren die Charaktere in großer Plastizität.

Dieses Konzept geht rund 430 von 447 Seiten lang voll auf. Leider werden die durchaus interessanten Vorgeschichten der Opfer auf den letzten Seiten durch eine banale Auflösung entzaubert.

Das ist insbesondere deswegen schade, weil die vielen Fährten und Spuren für eine Verschwörung der Extraklasse gereicht hätte. So liefert “Vor dem Fall” lesenswerte Momentaufnahmen auf die Lebenssituation verschiedener Menschen, die dann aber mit der eigentlichen Geschichte nichts zu tun haben.

Wer das verschmerzen kann, darf sich auf einen über weite Strecken mitreißenden und ungewöhnlichen Thriller freuen.

“Vor dem Fall” ist beim Goldmann Verlag erschienen (448 Seiten, 22,99 € gebunden / 19,99 € E-Book / 19,99 € Hörbuch).

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