Marc Elsberg: Zero – Sie wissen, was du tust

Marc Elsberg zeigt in seinem Science-Fiction-Roman “Zero”, wie Internetnutzer selbst persönlichste Geheimnisse in sozialen Medien verraten und sich dessen nicht einmal bewusst sind. Ob sich der jetzt als Taschenbuch erschienene Thriller lohnt, zeigt die BBO-Rezension.

Das soll dem österreichischen Thriller-Autor Marc Elsberg erst einmal einer nachmachen: Während sein neuer Roman “Helix” ganz oben in den Hardcover-Charts des SPIEGEL steht, steigt just die Taschenbuchausgabe von “ZERO – Sie wissen, was du tust” auf Platz 3 der Taschenbuchcharts direkt vor seinem Bestseller “Blackout” ein.

Marc Elsberg blickt in eine erschreckende Zukunft

Anders als “Blackout” hat Elsberg “ZERO” nicht als realistisches Katastrophenszenario angelegt. Vielmehr greift er technologischen Entwicklungen vor, die er in die nahe Zukunft verlegt. So wird der Roman zum Science-Fiction-Thriller, dessen differenzierte Tonalität bereits auf den ersten Seiten offensichtlich wird.

In dieser nahen Zukunft hat der einfache Schutzmann auf der Straße weitgehend ausgedient. Ballungszentren wie London werden längst durch ein engmaschiges Netz an Kameras, den sogenannten “Eyes in the Sky” überwacht. Deren Bilder werden computergestützt automatisch ausgewertet und im Bedarfsfall an einen menschlichen Operator weitergeleitet.

Doch auch Technik-Gadgets, Unterhaltungselektronik und soziale Medien sprengen mit ihren Angeboten jegliche heute bekannten Datenschutzregeln. Eine den Google Glasses nicht unähnliche neue Cyberbrille für Privatpersonen bietet eine Gesichtserkennung, mit der jede beliebige Passant im Blickfeld blitzschnell identifiziert wird. Per Headup-Display werden detaillierte persönliche Informationen dieser Person wie Name, Alter oder Wohnort eingeblendet.

In den sozialen Medien verrät sich jeder selbst

Diese Datenbrille stammt vom fiktiven Facebook-Konkurrenten Freemee. ActApps spielen dem Besitzer laufend Tipps zur Lebensführung ein. Da wird beispielsweise im Supermarkt vorgerechnet, welche Rabattkarten sich für den Freemee-Nutzer bei seinem spezifischen Kaufverhalten wann lohnen. Doch Freemee ist noch viel mehr. Jeder Nutzer kann seine Daten gewinnbringend an Werbetreibende verkaufen und wird in ein Menschenranking aufgenommen. Unter den Freemee-Nutzern beginnt ein Kampf um eine möglichst hohe Freemee-Platzierung, um für Werbetreibende noch interessanter zu werden.

In dieser Welt, in der niemand mehr anonym zu sein scheint, kämpft die Hackergruppe ZERO mit neuen Mitteln gegen die Übermacht von datenhungrigen Behörden und Unternehmen. Der spektakulärste Fall: Während einer privaten Golfrunde überfällt ZERO den Präsidenten der Vereinigten Staaten mit einem ganzen Rudel an ferngesteuerten Flug- und Laufdrohnen. Diese Mini-Roboter überwinden jede Sicherheitsbarriere. Zwar verletzen sie den US-Präsidenten nicht, übertragen aber live auf YouTube, wie hilflos der mächtigste Mann der Welt ZERO ausgeliefert ist.

ZERO wird zum Verbündeten

Die Zeitschrift Daily setzt währenddessen alle verfügbaren Online- und Printjournalisten auf ZERO an, um die Aktivisten zu enttarnen. Eine der Journalistinnen ist ausgerechnet Cynthia Bonsant, einem ausgesprochenen Internet- und Technik-Muffel. Cynthia gehört zu den ersten, die für die Recherche die neue Freemee-Brille ausprobieren dürfen. Was sie nicht ahnt: Tatsächlich kann Freemee das Verhalten der Nutzer durch geheime Zusatzfunktionen der ActApps beeinflussen und Freemee hat ein elementares Interesse daran, dass deren Pläne eben nicht durch ZERO enthüllt werden. Bald wird klar, dass Freemee Cynthia nicht nur benutzt, sondern auch über Leichen geht. Eine gnadenlose Hetzjagd beginnt und Cynthia wird selbst zur Zielscheibe.

Konstruierte Kunstgriffe für eine spannende Story

Fazit: Marc Elsberg bemüht zu Beginn von “ZERO” schon arge Kunstgriffe, um seine später durchaus packende Geschichte ins Rollen zu bringen. Dass einem unwissenden Helden und damit dem Leser von Spezialisten technische Einzelheiten erklärt werden, gehört zum schriftstellerischen Handwerk. Eine Journalistin, die 2016 noch nie etwas von Google Glasses gehört hat, findet man aber höchstens noch im Feuilleton. Gerade in einer Zeit der Whistleblower und Internet-Aktivisten, in der selbst im Silicon Valley Träger der Google Glasses als “Glassholes” beschimpft werden, ist die offensichtliche Aufhebung jedes Datenschutzes schlicht unglaubwürdig. Da wäre es besser gewesen, die Handlung noch mehr in die Zukunft oder in eine totalitäre Gesellschaft zu verlegen.

Das Entsetzen ist real

Akzeptiert man aber diese Fiktion, gelingt erneut eine durchaus spannende Geschichte mit phasenweise sehr viel Action. Marc Elsberg führt auf geradezu erschreckende Weise vor, dass nicht in erster Linie irgendwelche verborgenen Mächte persönliche Geheimnisse von Menschen stehlen, sondern dass es die Menschen selbst sind, die ihre Daten freiwillig liefern. “Zero” ist nicht nur ein fiktiver Thriller. Es ist die Geschichte der ungeheuerlichen Verführungskraft sozialer Netzwerke, dessen Ausmaß heute nur wenige Internetnutzer überhaupt einschätzen können.

“ZERO – Sie wissen, was du tust” ist bei Blanvalet erschienen (496 Seiten, 19,99 € gebunden/9,99 € Taschenbuch/E-Book 8,99 €).

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