Robert Seethaler: Ein ganzes Leben

„Ein ganzes Leben“ ist neben „Der Trafikant“ der in Feuilleton-Rezensionen am meisten umjubelte Roman von Robert Seethaler. Die BBO-Rezension zeigt: Dem Autor gelingt ein faszinierendes Sittengemälde, das auf weniger als 200 Seiten tatsächlich ein ganzes Leben umspannt.

Robert Seethaler hat ein Gefühl für Sonderlinge. In „Ein ganzes Leben“ beschreibt der Autor das Leben des Andreas Egger, der um 1900 herum als Waisenjunge in einer entfernt verwandten Pflegefamilie in einem abgelegenen Alpental aufwächst.

Erinnerungen an „Schlafes Bruder“

Das Leben in den Bergen ist karg und mühevoll. Andreas Egger ist als gerade einmal Geduldeter das schwächste Glied in der patriarchisch geprägten Bauernfamilie. Vater Kranzstocker züchtigt den Kleinen wegen Nichtigkeiten und prügelt ihn schließlich sogar zum Krüppel. Obwohl das gebrochene Bein schief zusammenwächst und Egger zeitlebens von den Dorfkindern als Hinkebein verhöhnt wird, macht ihn das entbehrungsreiche Leben bereits als Halbwüchsigen stark. Irgendwann traut sich selbst Vater Kranzstocker, ihn zu züchtigen.

Nur Kranzstockers eigene Mutter schenkt dem Jungen ein wenig Wärme, doch selbst ihr Tod wird wie alle Schicksalsschläge von der Bevölkerung mit gottesfürchtiger Gleichmut hingenommen. Alleine die Rede des Bauern am Grab der Mutter illustriert bereits die stoische Mentalität des Bergvolkes: „Die Ahnl ist jetzt gegangen. Wohin, kann man nicht wissen, aber es wird schon recht sein. Wo was Altes wegstirbt, hat was Neues Platz. So ist es und so wird es immer sein. Amen!“

Liebe bis in den Tod

Überhaupt wird viel und grausam gestorben in dem Alpental, das Andreas Egger nur für den Krieg verlässt. Naturgewalten, Schicksalsschläge und selbst der technische Fortschritt prallen an Andreas Eggers stoischer Unerschütterlichkeit ab. Von den aggressiven Reden Adolf Hitlers aus dem Volksempfänger bis zu den ersten Fernsehübertragungen mit Bildern von Grace Kelly und der Mondlandung berührt den Egger nichts wirklich. Er klatscht mit und tut das, was alle anderen beim Anblick der bewegten Bilder tun, aber nur, weil er zutiefst verunsichert ist, wie man sich vor einem Fernsehgerät verhält.

Schließlich steht Egger vor einem Rätsel: Dieses Rätsel heißt Marie und serviert in der Dorfschänke Krauterer. Voller naiver Unbeholfenheit nähert er sich Marie an und gewinnt sie durch einen Antrag, das eigentlich weit über sein Ausdrucksvermögen hinausgeht. Doch auch dieses Glück ist im Leben des Andreas Egger eine Momentaufnahme.

Als das abgelegene Bergtal schließlich mit Seilbahnen, Skiliften, Elektrizität und geteerten Straßen für den Tourismus erschlossen wird, ist der Egger immer dabei. Mal arbeitet er als Schneisenhauer, dann bei der Seilbahnwartung und schließlich als Bergführer für Urlauber.
Kurz vor seinem Tod blickt Andreas Egger zurück. Obwohl er bis auf die Kriegszeit sein Tal nie verlassen hat, blickt er auf ein erfülltes Leben mit all seinen Höhen und Tiefen.

Die wunderbare Sprache des Robert Seethaler

Fazit: Oft ist ein gesundes Misstrauen angesagt, wenn im Feuilleton Bücher bejubelt werden. Diesmal haben die Literatursachverständigen allerdings recht. Robert Seethaler liefert tatsächlich ein kompaktes, aber ungeheuer faszinierendes Sittengemälde ab, das in seiner Stille und Melancholie lange nachklingt. Mit einer in ihrer Schlichtheit enorm effektiv eingesetzten Sprache entsteht das Bild eines Stoikers, dessen äußerliche Gleichmut durchaus ein differenziertes und feinfühliges Innenleben umschließt. „Ein ganzes Leben“ ist derart faszinierend, dass man es in einer Sitzung verschlingt. Und dann noch einmal. Und noch einmal.

„Ein ganzes Leben“ ist bei Goldmann erschienen (192 Seiten, 17,90 € gebunden/9,99 € Taschenbuch/9,99 € E-Book/18,99€ Hörbuch).

 

Hinterlassen Sie eine Antwort!