Simon Beckett: “Der perfekte Schauplatz ist wichtig”

Simon Beckett
Foto: Malte Braun

Totenfang ist mit Rezensionen von 4,4 Sternen bei den Amazon-Kunden der bislang am höchsten bewertete Thriller rund um den Forensiker Dr. David Hunter. Erfolgsrezept sind auch die ungewöhnlichen Orte der Verbrechen, wie Simon Beckett verrät.

Simon Beckett hat vor kurzem mit Totenfang seinen fünften Thriller rund um den forensischen Anthropologen Dr. David Hunter veröffentlicht.

Da verwundert es nicht, dass Beckett seinen Helden einmal mehr in die Abgeschiedenheit ziehen lässt. Diesmal verschlägt es Hunter in die Backwaters, einem unwirtlichen Mündungsgebiet im englischen Essex.

Simon Beckett schreibt erneut an der Ekelgrenze

Dort ist seit über einem Monat der 31-jährige Leo Villiers spurlos verschwunden. Die Polizei meint, den Vermissten an einer Flussmündung zwischen Seetang und Schlamm gefunden zu haben. Doch Hunter glaubt nicht, dass es sich bei der verwesten Männerleiche um Villiers handelt. Der soll eine Affäre mit einer verheirateten Frau gehabt haben, die ebenfalls vermisst wird. Es scheint so, als hätte Leo Villiers erst seine Geliebte und dann sich selbst umgebracht. Bis ein einzelner Fuß gefunden wird, der im Wasser treibt, denn der gehört definitiv zu einer anderen Leiche.

Schauplätze erzeugen Stimmungen

“Es ist mir wichtig, für jedes meiner Bücher den perfekten Schauplatz zu finden”, erklärt Simon Beckett. “Ich finde es faszinierend, dass bestimmte Landschaften seit wer weiß wie langer Zeit existieren und – vorausgesetzt, wir zerstören sie nicht-, noch da sein werden, wenn wir es längst nicht mehr sind. Für einen Schriftsteller sind solche Gegenden ein Geschenk, sie haben eine ganz besondere Atmosphäre. Und sie zeigen, wie schnell die Natur sich gegen uns wenden kann, was wiederum hilfreich ist, wenn es darum geht, eine bestimmte Stimmung zu erzeugen oder die Gemütsverfassung einer Figur widerzuspiegeln. Als ich mit der Reihe um David Hunter begonnen habe, hatte ich gar nicht vor, die Bücher an derart entlegenen Orten spielen zu lassen, aber mit der Zeit scheinen diese Settings charakteristisch für die Reihe geworden zu sein. Was allerdings nicht bedeutet, dass sich das in Zukunft nicht ändern kann … ”

Neue Schreibstrategie

Im Gegensatz zu früheren Romanen hat Simon Beckett die Handlung nicht vor Beginn festgelegt, sondern sich durch die Figuren treiben lassen.

Beckett: “Als Schriftsteller kenne ich die klassische Angst vor der leeren Seite, und in der Vergangenheit habe ich versucht, die wesentlichen Elemente einer Geschichte im Vorfeld so gut es ging zu skizzieren. Aber bei Totenfang war das anders. Ich habe viel Zeit damit verbracht, alle Details niederzuschreiben, um genau im Blick zu haben, wie die Geschichte sich entwickelt, aber als das nicht funktionierte, wurde mir klar, dass ich einen anderen Weg ausprobieren musste. Am Ende habe ich einfach aufgehört, mir Gedanken zu machen. Ich habe nicht mehr als ein paar Kapitel im Voraus geplant und darauf vertraut, dass die Geschichte eine Eigendynamik entwickelt. Und von da an hat die Story wie von selbst Gestalt angenommen, und das Schreiben ging mir sehr viel leichter von der Hand.”

Simon Beckett hat Erfahrung mit Leichen

Insbesondere fasziniert bei Romanen von Simon Beckett die erschreckend realistisch wirkenden Beschreibungen der Tatorte mit verwesenden Leichen oder menschlichen Überresten. Entsprechende Erfahrungen hatte er bereits 2002 als freier Journalist gemacht. Damals besuchte er für einen Bericht die Body Farm der University of Tennessee in Knoxville, dem größten forensischen Labor der Welt.

“2002 habe ich keine Romane geschrieben, sondern ausschließlich als freischaffender Journalist gearbeitet; zu diesem Zeitpunkt hatte ich das Gefühl, meine Karriere als Schriftsteller sei beendet”, sagt Beckett. “Da hörte ich von dieser merkwürdigen Forschungseinrichtung, in der Verwesungsprozesse anhand menschlicher Leichen untersucht werden, und ich dachte, das wäre ein interessantes Thema für einen Zeitschriftenartikel.”

“Ich hatte also den Auftrag, dorthin zu reisen, um über ein hochgradig realistisches Ausbildungsprogramm für amerikanische Polizisten zu berichten. Mit gespendeten Leichen wurden Tatorte nachgestellt, und die Polizisten sollten so arbeiten, als befänden sie sich tatsächlich am Schauplatz eines Verbrechens. Um die Ermittlungen im Fall eines Serienkillers nachzustellen, mussten die Beamten zum Beispiel Leichen freilegen, die seit sechs Monaten unter der Erde lagen.”

“In der Rolle des stillen Beobachters habe ich mich ganz wohl gefühlt, aber am letzten Tag schlug einer der Forensiker vor, dass auch ich mir `die Hände schmutzig machen´ sollte. Und da stand ich dann in einem Schutzoverall und half der Polizei dabei, eine Leiche zu bergen, die in einem Waldstück vergaben worden war. Es war eine harte, aber einzigartige Erfahrung, die ich auf keinen Fall missen möchte. Vor allem, weil einige der forensischen Experten, die ich dort kennen lernen durfte, mir später als Berater für meine Hunter-Romane zur Seite standen.”

Nach 7 Mio. Büchern immer noch Ideen

Simon Beckett hat mittlerweile weltweit mehr als 7 Millionen Romane verkauft. Dennoch arbeitet er stets an mehreren Büchern, auch ohne seinen erfolgreichsten Protagonisten Dr. David Hunter.

“Im Moment habe ich tatsächlich gleich mehrere Ideen für neue Bücher im Kopf, aber das war nicht immer der Fall. Wenn ich einen Einfall für ein Buch habe, denke ich für gewöhnlich zuerst eine Weile nach und spreche mit meiner Frau darüber. Wenn ich merke, dass ich nicht aufhören kann, an die Figuren und an bestimmte Szenen zu denken, dann beginne ich, mir Notizen zu machen und die Geschichte zu entwickeln.”

Totenfang ist bei Rowohlt erschienen (560 Seiten, 22,95€, 19,99€ E-Book).

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