Andreas Gruber: “Erwartungshaltung an Todesmärchen ängstigt mich total”

Thriller-Autor Andreas Gruberveröffentlicht Todesmärchen
Mit "Todesmärchen" veröffentlicht Andreas Gruber seinen dritten Sneijder-Nemez-Thriller. Foto: Lukas Beck

Im Interview mit Bestseller Books Online verrät Andreas Gruber nicht nur, wovor er sich selber gruselt, sondern auch seine Pläne nach “Todesmärchen”. 

BBO: Nach Walter Pulaski und Evelyn Meyers hat in “Todesmärchen” jetzt wieder Ihr Ermittlerduo Maarten S. Sneijder und Sabine Nemez ihren großen Auftritt. Welches Team mögen Sie eigentlich selbst lieber?

Andreas Gruber: Das kommt auf die Story drauf an. Entwickle ich einen Plot mit Gerichtsszenen, Anwälten, Staatsanwälten, Anklagen und Strafverteidigern, dann kommen eher Walter Pulaski und Evelyn Meyers zum Zug, weil sie ja eine junge Wiener Anwältin ist. Entwickle ich kranke Dinge von Serientätern, dann kommt eher der Profiler Maarten S. Sneijder und sein „Eichkätzchen“ Sabine Nemez zum Zug. Auch schaue ich mir an, wo die Locations der Handlung spielen könnten. Leipzig und Wien passen besser zu Pulaski, und Wiesbaden passt besser zu Sneijder.

Aber um die Frage letztendlich doch zu beantworten: An Sneijder zu schreiben macht eine Spur mehr Spaß, weil er zynischer, gemeiner und politisch unkorrekter ist als Pulaski.

Je intelligenter der Killer, desto besser der Thriller

BBO: Legendäre Bösewichte wie Hannibal Lecter, die womöglich sogar das Ende eines Romans ungestraft überleben, sind in der Literatur selten. Bei “Todesmärchen” spielt allerdings der irre Piet van Loon eine entscheidende Rolle, der von Sneijder bereits hinter Gittern gebracht wurde. Ohne den Schluss vorwegnehmen zu wollen: Fasziniert Sie die Idee des ultimativen Unholds?

Andreas Gruber: Je intelligenter der Killer oder der Bösewicht ist, umso spannender und interessanter ist das Spiel zwischen ihm und den Ermittlern, die ihn jagen. Denn die müssen ja dann auch wieder einen Tick cleverer sein. So gesehen macht es mir großen Spaß, raffinierte und clevere Bösewichter zu erfinden, die auch die Macht haben, Dinge zu bewegen und selbst auf Angriff gehen können. Was bei „Todesmärchen“ noch dazu kommt, ist, dass Piet van Loon und Maarten S. Sneijder alte Bekannte sind, wie der Leser im Roman Stück für Stück mehr erfahren wird.

“Sneijder ist zynischer, gemeiner und politisch unkorrekter als Pulaski.”

BBO: Vermutlich würden Sie bei Ihren Fachkenntnissen selbst einen ausgezeichneten Serienmörder abgeben. Wie recherchieren Sie eigentlich diese Verbrechen?

Andreas Gruber: Ich glaube nicht, dass es einen Serienmörder gibt, der letztendlich cleverer ist als die Ermittler, denn die können auf jahrzehntelange Erfahrung und Tausende ähnliche Fälle zurückgreifen. Der Killer nicht – es sei denn, der kommt aus den eigenen Polizeireihen. Dann wird es natürlich wieder interessant und spannend, weil man es mit einem ebenbürtigen Gegner auf Augenhöhe zu tun hat. Ich recherchiere beim BKA in Wiesbaden, bei der Berliner Staatsanwaltschaft, der Gerichtsmedizin in Bern, um nur ein paar Beispiele zu nenne. Die Danksagungen am Ende der Romane sind voll von Helfern, die mich jeweils mit ihren Ideen unterstützt haben. Und sollte ich mal selbst die Karriere eines Serienmörders anstreben, tja, dann wüsste ich gar nicht, wen ich überhaupt töten sollte. Tierquäler vielleicht? Nein, das wäre zu schade. Die würde ich stattdessen wochenlang in der Folterkammer meines Kellers mit meinem kleinen Laubsäge-Set bearbeiten.

BBO: Wie kommt man auf eine derartige Perfidität?

Andreas Gruber: Tja, wie komme ich auf so etwas? Ich höre leidenschaftlich gern 60-Minuten-Hörspiele, gehe oft ins Kino, lese viel, Romane und Comics, und ich spreche viel mit Menschen. Da kristallisieren sich oft Ideen heraus, die ich dann weiter entwickle.

Mehr als nur der Schockeffekt

BBO: Wer Ihre Bücher aufschlägt, darf zu Recht mit dem Schlimmsten rechnen. Ist es tatsächlich so, dass Serienmörder in der Realität nicht nur einander nachahmen, sondern zu übertreffen versuchen?

Andreas Gruber: Na, na, na, na – so schlimm ist es nun auch wieder nicht. In „Die Schwarze Dame“ habe ich zwei Serienkiller erschaffen, die sich gegenseitig überbieten wollen und ein perfides Spiel spielen. In diesem Roman ist nichts so, wie es scheint, darum verrate ich hier die Auflösung nicht. Ob das in der Realität auch so ist, wage ich allerdings zu bezweifeln, da Serientäter Einzelgänger sind, die ein persönliches Problem lösen wollen, egal, was andere Täter tun. Da vermute ich eher, dass es Terrorgruppen sind, die versuchen, sich gegenseitig zu überbieten. Aktueller Fall: der Anschlag in Pakistan, wo sowohl IS als auch Taliban den Anschlag für sich beanspruchen.

“Verträge für vier weitere Bücher stehen, Ideen sind fast fertig.”

BBO: Wir haben kunstvoll drapierte Leichen erlebt, entführte Mädchen mit Inferno-Tattoos, grauenvolle Entstellungen. Ist nicht irgendwann der Wahnsinn selbst bei Serienmördern ausgereizt?

Andreas Gruber: Das ist eine schwierige Frage, weil ich aufpassen muss, dass ich bei der Antwort nicht die Auflösung der Romane spoilere. Die Serienkiller, die ich erschaffe, töten aus einem bestimmten Grund – und der ist nicht immer, oder sogar nur äußerst selten, nur auf sexuelle Wut beschränkt. Dahinter verbirgt sich immer ein größerer Plan, der sich Kapitel für Kapitel wie bei einem Puzzlespiel immer mehr für den Leser zusammensetzt. Dieser beinahe ausgereizte Wahnsinn, den Sie ansprechen, ist also nicht nur Schockeffekt für die Leser, sondern nur Teil eines größeren Ganzen. Was ich damit meine: Was oft wie ein Serienkiller-Fall beginnt, entwickelt sich oft ganz anders, und wenn Sie den Schluss von „Todesurteil“ oder „Herzgrab“ kennen, wissen Sie, was ich meine.

BBO: Wird es beim nächsten Roman nach „Todesmärchen“ mit dem Serienkiller-Thema weiter gehen?

Andreas Gruber: Nein. Dazu aber nur so viel: Der nächste Roman wird zwar dem Stil der vorherigen Bücher treu bleiben, nimmt aber eine etwas andere Richtung und wird ein anderes, neues Thema anschneiden.

Nach Todesmärchen kommt das A-Team

BBO: Ihre Ermittler haben mittlerweile eine regelrechte Fan-Gemeinde. Schon einmal daran gedacht, eine Art A-Team mit Ihren Super-Ermittlern auftreten zu lassen?

Andreas Gruber: Im über-übernächsten Roman nach „Todesmärchen“ wird genau das passieren, aber darüber darf ich hier noch weniger verraten. Über ungelegte Eier sollte man nicht reden. Jedenfalls gibt es insgesamt schon Verträge zu vier weiteren Büchern, und die Ideen dazu sind schon fast fertig.

BBO: Ihre Romane sind regelmäßig in den Bestsellerlisten. Auch “Todesmärchen” steht schon seit Wochen in den Top 10 bei den Amazon-Vorbestellungen. Wie sehr setzt Sie die Erwartungshaltung der Leser unter Druck, sich selbst immer übertreffen zu müssen?

Andreas Gruber: Um ehrlich zu sein, die Erwartungshaltung der Leser ängstigt mich total. Ich versuche, schon allein für mich selbst – weil ich das Buch ja bis zu 12 Mal selbst lese und korrigiere –, immer besser, spannender und interessanter als das vorhergehende zu machen. Aber ich weiß auch, dass je besser das vorherige Buch bei den Lesern angekommen ist, es umso schwieriger wird, das nächste zumindest genauso spannend zu machen. Darum ist es für mich immer eine fingernägelkauende Zeit von Angst, Schrecken und Furcht, wie die ersten Leserbesprechungen ausfallen. Da hilft nur ein Glas Nutella, um die Nerven zu beruhigen.

BBO: Vielen Dank für das Gespräch!

“Todesmärchen” erscheint am 15. August 2016 beim Goldmann Verlag (544 Seiten, Taschenbuch 9,99 €, E-Book 8,99 €, MP3 CD 8,49 €).

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