Linda Castillo: Grausame Nacht

Die US-Bestseller-Autorin schickt Ermittlerin Katie Burkholder erneut ins amische Pennsylvania. “Grausame Nacht” ist auf Anhieb in den Top Ten bei Amazon gelandet. BBO verrät im Buchtipp, ob sich der Roman lohnt.

Chief de Police Katie Burkholder, so wissen Fans der US-Krimiautorin, ist eine Abtrünnige der Amish People, der vorwiegend in Pennsylvania ansässigen Glaubensgemeinschaft, die fortschrittliche Technik wie Autos oder Fernseher ablehnt. Trotz aller Vorbehalte ihr gegenüber kennt Burkholder die Eigenheiten der Einheimischen wie keine Zweite.
Der Alltag der Polizeichefin ist zunächst Idyll: Da wird dem Fahrer eines Amish Buggy, einem einspännigen Pferdefuhrwerk der Frömmler, ein Strafzettel wegen mangelhafter Beleuchtung verpasst. Oder aber der stadtbekannte Säufer randaliert wieder mal in der Kneipe.

Ein Tornado mit Folgen

Das soll sich schlagartig ändern, als ein tödlicher Tornado Kurs auf die Gegend nimmt. Nicht nur die Stadt selbst ist in Gefahr. Vielmehr muss Burkholder die abgelegenen Höfe der Amish People warnen, die über keinerlei moderne Kommunikation verfügen. Außerdem wütet der Tornado in der Wohnmobil-Siedlung mit furchtbaren Folgen: Die Polizeichefin rettet einen Säugling aus einem umgestürzten Wohnmobil, doch das Baby stirbt später.

Nachdem der Tornado vorüber gezogen ist, wird das gesamte Ausmaß des Schadens offenbar. Selbst die Boys Scouts werden zu Aufräumarbeiten herangezogen. Doch die entdecken Furchtbares: Unter einer zusammengestürzten Scheune war offenbar jahrelang eine Leiche vergraben.

Währenddessen droht Kate Burkholder noch mehr Ungemach. Ihre Beziehung mit dem Lebensgefährten Tomasetti steht beständig auf der Kippe, erst recht, als sie von ihm schwanger wird. Dann verklagen die Eltern des Babys sie auch noch wegen fahrlässiger Tötung.

Versteckte Wut

Und schließlich löst Kate Burkholder mit ihren Nachforschungen zu dem seit Jahrzehnten verscharrten Skelett etwas aus, was sie nicht mehr kontrollieren kann. Sie ist im Begriff ein sorgsam gehütetes Geheimnis zu entschlüsseln, das jahrelang in den Clans der Amish People verborgen blieb. Und genau das könnte ihr das Leben kosten.

Fazit: Linda Castillo ist ein Phänomen. Es gelingt ihr, die Eigenheiten und Gebräuche der Amish People in Pennsyvania dem Leser erneut auf eine unaufdringliche Weise zu zeigen, während sie langsam ihren Plot spinnt. Überraschenderweise glaubt der Leser bereits nach 100 Seiten die Lösung des Rätsels zu ahnen. Doch statt die üblichen Cliffhanger einzusetzen, hält Linda Castillo dem Leser die offensichtlich erscheinende Auflösung stets geschickt vor Augen, ohne diese jedoch zu bestätigen. Schließlich wird klar, dass der Kriminalfall nur der Auslöser für eine viel folgenreichere Reaktionskette ist.

Gepaart mit der drohenden eigenen Verurteilung von Kate Burkholder gelingt der Autorin ein zweiter, packender Handlungsstrang, der intelligent gelöst wird. Der dritte Handlungsstrang, nämlich die sich im emotionalem Auf und Ab befindliche Beziehung zu ihrem Lebensgefährten, ist dagegen blutleer. Die selbstanalytischen Liebeserklärungen zu ihrem “Tomasetti”, der stets nur per Nachnamen angesprochen wird, wirken wie Bestandsaufnahmen. An Tatorten, an denen Tomasetti auftaucht, erscheint er handlungsneutral mit erschrockenem Gesichtsausdruck und chauffiert allenfalls die verschorfte Liebste heim.

Der Kriminalfall selbst in “Grausame Nacht” bleibt gute Unterhaltung, nicht mehr: Der Leser erhält eine Variante der Lösungen, die im Spektrum des zu Erwartenden war.
Faszinierend gelungen ist Linda Castillo wieder einmal das ländliche Ambiente mit Mennoniten, Amischen, und den als “Engländer” bezeichneten anderen Mitbürgern. Die Entwicklung und recht überraschende Auflösung beim Tod des von Kate geretteten Babies ist ein weiteres i-Tüpfelchen, das den Roman lesenswert macht. Linda Castillo liefert leicht bekömmliches Lesevergnügen für zwei bis drei vergnügliche Sitzungen.

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