Hugh Laurie: „Ich hätte bei The Night Manager auch als Kulissenschieber mitgemacht“

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Mal nicht Dr. House sein: Hugh Laurie mimt in John le Carrés „The Night Manager“ den undurchsichtigen Geschäftsmann Richard Onslow Roper, der in einen Waffendeal verstrickt ist. Im Interview enthüllt er, dass er „Der Nachtmanager“ von John le Carré schon vor 20 Jahren gelesen und geliebt hat.

20 Jahre hat es auch gedauert, bis John le Carrés „Der Nachtmanager“ verfilmt wurde. Das ZDF wird den mehrfach Emmy-nominierten BBC-Dreiteiler mit Hugh Laurie und Tom Hiddleston in den Hauptrollen ab 29. August als FreeTV-Premiere in deutscher und englischer Fassung zeigen. Hugh Laurie, der auf seine Rolle als Dr. House programmiert zu sein scheint, erweist sich als echter Fan von John le Carré.

Sieben Fragen an Hugh Laurie

Wann stießen Sie zu dem Projekt „The Night Manager“ und was hat Sie an der Geschichte gereizt?

Ich habe mich in das Buch verliebt, als ich es zum ersten Mal, damals im Jahr 1993, gelesen hatte. Ich verehre le Carré seit ich ein Teenager war – nichts Ungewöhnliches – und war vollkommen begeistert von der Romantik, die das Spionage-Geschäft umgibt und damit verbunden die Konflikte zwischen den inneren und äußeren Welten. Aber insbesondere diese Geschichte fand ich unendlich faszinierend, fast mythisch. Ich habe absolut keinen Instinkt als Produzent, aber das war das einzige Mal in meinem Leben, dass ich jemals versucht habe, die Filmrechte für ein Buch zu bekommen. Soweit ich mich erinnere, habe ich versucht, die Rechte zu bekommen, noch bevor ich das dritte Kapitel fertig gelesen hatte. Ich war nicht erfolgreich – der große Sydney Pollack war draufgesprungen und wollte nicht loslassen – aber die Figur von Pine (und ja, 1993 war ich so unverschämt mir vorzustellen, dass ich Pine spiele) ist faszinierend: Der verirrte Ritter durchstreift die Welt auf der Suche nach einem Grund, nach einer Sache, für die er kämpfen kann. Oder besser, zu sterben. Ich dachte, es war so eine wunderbare Geschichte.

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich kann nicht für mich beanspruchen, dem Projekt auf die Beine geholfen zu haben. Ich sagte den Produzenten nur, dass ich glücklich sein würde, irgendeine Arbeit bei dem Projekt anzunehmen, als Schauspieler, Caterer, alles, was ich tun könnte, um es voranzubringen – ich wollte bloß dabei sein.

Die Serie ist eine zeitgemäße Adaption des Buchs. Wie verändert sich die Geschichte so, dass sie in die heutige Welt passt?

Ich nehme an, es ist ein Merkmal von Mythen, dass sie in einem gewissen Sinn für die Ewigkeit gemacht sind. Es sind Geschichten, die jederzeit wieder und wieder neu erzählt werden, in jedem Zusammenhang. Normalerweise würde ich sagen, dass der Versuch, eine Geschichte in das Zeitgenössische zu übertragen, Schwachsinn ist, weil die Ereignisse einen immer überholen. In der ursprünglichen Geschichte geht es um einen Waffenhändler – Richard Roper, durch meine Wenigkeit gespielt – der Waffen an die kolumbianischen Drogenkartelle verkauft. Damals schienen sie wohl noch nicht diese Bedeutung zu haben. Aber vor ein paar Monaten, während wir drehten, wurde ein mexikanischer Militärhubschrauber mit einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen. Und die mexikanische Regierung hat mehr oder minder zugegeben, dass sie sich mit den Kartellen im Krieg befanden. Die Regierung hatte offensichtlich keine Ahnung, woher die Kartelle ihre Waffen hatten. Sehen Sie: le Carré schrieb die Geschichte, und 20 Jahre später ist sie passiert.

Jedenfalls haben wir die Geschichte nun etwas verändert. Sie beginnt in Kairo mit dem Arabischen Frühling 2010 (ein anderes Ereignis, nebenbei bemerkt, das niemand kommen sah – trotz aller CIA-Satelliten, die über unseren Köpfen kreisen, keine Nachrichtenagentur, kein Geheimdienst hat es vorausgesagt) und in die heutige Zeit verlegt. David Farr, der Drehbuchautor, hat einen unglaublichen Job geleistet. Er hat das letzte Drittel der Geschichte neu erfunden, einen anderen Kontinent und eine ganz andere Art von Verschwörung eingebaut. Ich hoffe, dass wir in der Lage waren, der Geschichte einen aktuellen Appeal zu geben und zugleich etwas von jener mythischen Qualität zu erhalten.

Können Sie uns ein wenig über die verschiedenen Drehorte erzählen?

Sehen Sie, das ist es, warum die Leute Schauspieler hassen – einer der Gründe zumindest: Es gibt keinen Grund, warum ich in einem schönen Ort wie diesem sitzen sollte. Keinen. Unverdient. Wir haben in der Schweiz angefangen zu drehen, wo das ruhige Hotel liegt. Es hat schon etwas, das Schlafzimmerfenster zu öffnen und zu sehen, wie das Matterhorn einen von oben herab anstarrt. Eine Metapher für den Höhenflug, den wir versuchten darzustellen. Etwa ein Drittel der Geschichte findet in London statt, was eine Metapher für London ist. Ich war an den Dreharbeiten vor Ort nicht beteiligt, aber ich ging trotzdem ans Set, nur um die Sandwiches zu essen.

Wir haben dann sechs Wochen in Marokko gedreht und sind danach fünf Wochen auf Mallorca gewesen. Nicht ein Tag ist vergangen, an dem nicht einer aus dem Ensemble gesagt hätte: „Ich kann nicht glauben, dass ich tatsächlich hier bin und das hier mache.“ Es ist unser Glück, Figuren zu spielen, die ein sehr luxuriöses Jet-Set-Leben führen. Das bedeutet, um es zu tun, müssen wir es auch leben. Wahrlich, es ist schwer, zermürbend.

Bei diesem Projekt führte Oscar-Preisträgerin Susanne Bier Regie. Was hat sie zu „The Night Manager“ beigetragen?

Alles. Sie ist „The Night Manager“. Ihre Vision, ihr Geschmack, ihre Herangehensweise hat jeden Teil von dem definiert, was wir tun. Und es war ein absoluter Nervenkitzel, ein Teil davon zu sein. Ich behaupte nicht, dass wir immer einer Meinung waren, weil es nicht so war. Tatsächlich war bei unserem ersten Treffen eines der wenigen Dinge, auf die wir uns einigen konnten, die Tatsache, dass wir uns ständig widersprechen würden. Aber es ist wunderbar, in den Händen einer Regisseurin mit einem solchen Geschmack und Sinn für Humor zu sein, die nicht nur ein Auge fürs Detail, sondern auch für den großen Umfang der Geschichte hat.

Die Geschichte umfasst eine große Zeitspanne, mehrere Kontinente, eine riesige Liste von Figuren, und zugleich muss das Drehbuch sehr detailliert erzählt werden. Ich hoffe, John le Carré wird mir nicht nachtragen, wenn ich das jetzt sage, aber er schreibt eher Gedanken als Taten, und das ist schwieriger zu verfilmen. Er neigt in seinen Romanen nicht zu Verfolgungsjagden oder dazu, irgendwelche Dinge in die Luft zu jagen (obwohl wir unseren gerechten Anteil daran haben), aber zum größten Teil ist die Geschichte sehr detailliert und psychologisch erzählt. Das erfordert einen Regisseur mit einer Reihe von sehr spezifischen Fähigkeiten, und mir fällt niemand anderes ein, der es mit solcher Eleganz wie Bravour getan haben könnte. Oder jemand anderes, mit dem ich das Projekt eher gemacht hätte, um ehrlich zu sein. Es war eine absolute Freude – von Anfang bis Ende.

Im Kern geht es um die Dynamik zwischen Roper und Pine. Können Sie uns etwas darüber und über die Dynamik zwischen Ihnen und Tom als Schauspieler verraten?

Ich kam nicht umhin zu bemerken, dass Sie das Wort Dynamik verwendet haben. Hmm, lassen Sie mich sehen. Die Figur von Pine ist eine verlorene Seele. Ich nehme an, das war eines der Dinge, die mich ansprachen, als ich den Roman zum ersten Mal gelesen hatte. Und es war jedes Mal so, wenn ich das Buch wieder zur Hand nahm. Er ist edel, mutig, anständig, aber auch verloren. Er sucht nach einem Lebenszweck und beschließt, sein Leben zu riskieren, um auf einen Gegner zu treffen, der von einer Geliebten als „der schlimmste Mensch in der Welt“ beschrieben wird. Das ist die Legende von Roper, und das ist es, was ich versucht habe zu verkörpern.

Aber es ist eine zweischneidige Geschichte, denn so sehr Pines ursprüngliches Ziel ist, dieses Monster zu Fall zu bringen, so sehr muss er jedoch gleichzeitig dem Charme des Monsters widerstehen. Der Gesang der Sirenen, der Blick der Medusa, wählen Sie die mythische Kraft, die Ihnen am meisten gefällt. Denn Roper verleiht seiner Ungeheuerlichkeit und den schlimmen Dingen, die er tut, eine Art von Logik, sogar etwas Glamour. Es gibt Momente, in denen Pine sich auf die Grenze der dunklen Seite bewegt, und Sie sich fragen, welchen Weg er gehen wird. Gleichzeitig werden Sie sich fragen, ob Roper sich auch bewegt. Ob er irgendwo in seinem Innersten gefasst oder verraten werden will.

Das Publikum muss selbst beurteilen, wo Pine und Roper sich nahe kommen und die Linie in entgegengesetzter Richtung überschreiten. Wo Roper den Dolch in seine eigene Brust stechen wird und wo Pine genau zu dem werden könnte, was er eigentlich zerstören will. Es ist absolut faszinierend und ich denke, das hat sehr viel von le Carrés Roman. Einige beschreiben ihn als Spionage-Schriftsteller, aber seine Geschichten gehen so weit über die Gattung Spionagethriller hinaus. Er benutzt die Welt der Spione und der Geheimdienste, um einige grundlegende Fragen zu untersuchen. Mein Gott, ich hoffe, dass wir dem gerecht werden konnten.

Als Roper in der Schweiz auf Pine trifft, ist da etwas, dass ihn direkt anspricht und interessiert. Was könnte das sein?

Wie könnte sich jemand nicht zu Tom Hiddleston hingezogen fühlen? Die Frage ergibt keinen Sinn. Ich denke, dass Roper, trotz seiner Niederträchtigkeit und monströser Verschwörungen, nach einer Art von Schöngeistigkeit sucht. Er sucht nach einem Erlebnis, das weit über das einfache Geld verdienen hinausgeht – einen Begleiter, mit dem er seine Freude und Triumphe teilen kann, die Erlebnisse, das Abenteuer. Und ich denke, in Pine hat er einen Gleichgesinnten entdeckt. Oder vielleicht eine andere Ausgabe von sich selbst. Zumindest sieht er jemanden, dem er sein Reich vererben kann. Roper hat zwar einen kleinen Sohn, gespielt von dem fantastischen Noah Jupe (merken Sie sich diesen Namen!), der aber vielleicht eine zu sanfte Seele ist, um in die Fußstapfen seines Vaters zu folgen. Roper sucht jemanden, mit denen er die Freuden seiner kriminellen Handlungen teilen kann.

Und selbst wenn Pine nicht böse ist, zumindest ist er eine treibende Seele. Der Teufel ist immer auf der Suche nach Seelen, die nicht irgendwo verankert sind, und Pine ist am Anfang der Geschichte definitiv nicht verankert. Und vielleicht sieht Roper eine Möglichkeit, das auszunutzen, nicht nur für seine eigenen Zwecke, sondern auch aus Spaß daran. Ich glaube, er genießt Pines Gesellschaft, seine Haltung, sein ganzes Auftreten. Ich stelle mir vor, dass Roper die Menschen um ihn herum sehr sorgfältig auswählt, und in seinem Kopf hat er eine Art königlichen Hofstaat versammelt. Er hat einen Joker, einen Krieger, einen Dichter – so will er die verschiedenen Sitze um seine königliche Tafel besetzen, und in Pine sieht er einen passenden und geeigneten Charakter, der seinen Hofstaat ergänzen kann.

Zum Schluss noch eine Frage zu Roper und Jed. Roper versucht, sie von seinen Geschäften fernzuhalten, was im Laufe der Geschichte immer schwieriger wird …

Stimmt. Ich meine, Jed ist halb so alt wie Roper. Herrgott, was für eine überraschende und ungewöhnliche Sache, die man in der modernen Welt nicht unbedingt erwartet, oder? Nun ja, es scheint in der Struktur der reichen und erfolgreichen Menschen zu liegen, um sich junge und schöne Frauen zu scharen. Und man kann sich vorstellen, dass Roper eine ziemlich unschöne Vergangenheit in dieser Hinsicht hat. Aber er und Jed haben zusammen schon ein paar Jahre verbracht, wenn wir in die Geschichte eintauchen. Ich denke, dass sie sehr vertraut miteinander sind, dass es eine echte Zuneigung zwischen ihnen gibt.

Vielleicht braucht Roper sie, um ein Unschuldiger zu bleiben. Sie zur Mitwisserin seiner Handlungen zu machen, würde trüben, was er getrennt halten will. Vielleicht glaubt er, dass Jed auf einer gewissen Ebene über eine Art erlösende Kraft verfügt, gerade weil sie nicht beteiligt ist. Er kann mit ihr eine reinere, sanftere Beziehung haben, weil ihre Hände nicht mit Blut befleckt sind von den schrecklichen Dingen, die er getan hat. Oder vielleicht ist ihre Unschuld ein weiterer Nährstoff, an dem er sich laben kann. Ich weiß es nicht, und vielleicht weiß er es auch nicht. Aber so viele Fragen in dieser Geschichte sind nicht leicht zu beantworten, und man hat so viele verschiedene Möglichkeiten, sie zu betrachten. Diese Komplexität ist es, die die Geschichte so unterhaltsam macht.

Interview: Adam Bryant.

Sendetermine „The Night Manager“ im ZDF:

  • Montag, 29. August 2016, 22.15 Uhr
  • Montag, 5. September 2016, 22.15 Uhr
  • Montag, 12. September 2016, 22.15 Uhr

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