Ilona Bulazel: Schmutzige Tränen

Mit ihrem neuen Psychothriller hat es die Indie-Autorin an die Spitze der Kindle-Unlimited-Charts geschafft. Die Bewertung bei Amazon liegt bei grandiosen 4,7 Sternen – also ein sicherer Lese-Tipp?

Der Leser befindet sich zu Beginn unvermittelt am ersten Tatort und wird Zeuge, wie der unbekannte Täter mit dem Strichjungen Jo anbandelt. Im Liebesnest angekommen, kommt es zum Streit. Jo hatte heimlich die Kleidung des Freiers durchwühlt und bereits dessen abgelegten Ehering übergestülpt. Der Unbekannte schlägt den inflagranti Ertappten nicht nur mit dem Baseball-Schläger die Schädeldecke ein, sondern entschließt sich gar dazu, den Körper vollends zu entstellen. Ärgerlich nur, dass der stibitzte Ring trotz aller vorheriger Knochenbrecherei nicht vom Finger des Toten gleiten will. Also greift der Freier zur Geflügelschere und trennt den Ringfinger mitsamt des Schmuckstücks kurzerhand ab.

An diesem Fall knobelt der gut aussehende Hauptkommissar Christian Feinbach, der in seiner Freizeit als Ehebrecher, Lebemann und Säufer unterwegs ist. Ihm zur Seite gestellt wird die nicht minder gut aussehende Saskia Trensch, die den Eindruck macht, gerade der Polizeischule entronnen zu sein. Wenigstens gelingt es ihr, sämtliche nur erdenklichen Motive des Mordes, inklusive des zutreffenden, durch zu deklinieren und gelegentlich stellt sie die richtigen Fragen.

Mord. Mehr Morde. Noch mehr Morde.

Denn schon bald geschieht der zweite Mord. Diesmal, so erfahren wir, besucht der sexuell offenbar nicht sonderlich wählerische Unbekannte eine Prostituierte. Die glaubt an die große Liebe, erwartet ein Kind von ihm und macht den Fehler, ihm das zu beichten. Kurzentschlossen erwürgt der Unbekannte seine lästig gewordene Liebesdienerin. Obwohl beides Taten im Affekt waren, kokettiert der Unbekannte mit der Serienmörder-Idee. Er schneidet dem Mädchen nicht nur den Finger ab, sondern drapiert den des vorherigen Opfers dazu.

Währenddessen klappern Kommissar Feinbach und Kollegin Trensch Verdächtige ab, ziehen alle möglichen falschen und richtigen Schlüsse, aber entwickeln miteinander keine interessante Beziehung. Stattdessen betrügt Feinbach seine Frau und verspielt Haus und Hof beim Poker, während sich Saskia Trensch in den – natürlich – gut aussehenden neuen Kommissar verguckt. Dass ausgerechnet der zum nächsten Opfer des Unbekannten wird, ist tragisch, aber sinnvoll: In „Schmutzige Tränen“ sind es die Leichen, die die Handlung vorantreiben.

Fazit: „Schmutzige Tränen“ ist ein schnörkellos geschriebener Thriller, der sich gut in einem Wochenende lesen lässt. Allerdings darf der Leser keine Cliffhanger, komplexe Charaktere oder vielschichtige Dialoge erwarten. Da reiht sich Verhör an Verhör und es wird weiter ermittelt, bis die überraschende, aber nicht gerade glaubwürdige Auflösung kommt. Leicht verdauliches Lesefutter für ein Wochenende und ein guter Tipp für die Kindle-Unlimited-Bibliothek. An Romane von Charlotte Link oder Nele Neuhaus, die ja schon selbst nicht sonderlich anspruchsvoll sind, kommt „Schmutzige Tränen“ jedoch in Punkto Spannung, Plot und Charaktere-Entwicklung nicht heran.

Hinweis: „Schmutzige Tränen“ ist auch als Taschenbuch lieferbar (9,99€).

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