Reinhard Kleist: Der Traum von Olympia

Die Geschichte der somalischen Läuferin Samia Yusuf Omar gewinnt vor der Olympiade und vor dem Hintergrund der immer noch andauernden Flüchtlingskrise einmal mehr an Brisanz.

Reinhard Kleists Graphic Novel basiert auf der wahren Geschichte der Sprinterin, die für Somalia 2008 in Peking an den Start gegangen war. Aufgrund des in Somalia tobenden Bürgerkriegs und der Scharia wollte Omar 2012 fliehen und über den Sudan und Lybien bis nach London zu den Olympischen Spielen reisen, während sie sich auf der Reise auf die Wettkämpfe vorbereiten wollte. Doch die Flucht nach Europa endete tragisch: Samia Yusuf Omar ertrank 2012 im Alter von 21 Jahren vor der Küste Maltas im Mittelmeer in einem gekenterten Flüchtlingsboot.

Reinhard Kleist war durch Elias Bierdels Buch “Ende einer Rettungsfahrt” auf das Flüchtlingsthema aufmerksam geworden und hatte im Oktober 2012 in Palermo darüber recherchiert. Als er auf das Schicksal von Samia Yusuf Omar gestoßen war, gelang es ihm über eine befreundete Journalistin, mit ihrer inzwischen nach Helsinki geflohenen Schwester Kontakt aufzunehmen.

Für Europäer kaum begreifbar

Manche Handlungsstränge, so räumt der Autor ein, habe er allerdings mit Hilfe von Berichten anderer Flüchtlinge aufstocken müssen.

“Viele Ereignisse der fast ein Jahr dauernden Reise von Samia Yusuf Omar sind nicht mehr zweifelsfrei nachvollziehbar, so dass ich manche Situationen aus Berichten anderer Migranten entnehmen oder gar konstruieren musste”, erklärt Kleist. “Dabei war ich auf meine Vorstellungskraft angewiesen, wie Menschen in Situationen handeln, was logisch auf eine Handlung folgt, was ein Mensch in einer bestimmten Situation denken und fühlen würde. Doch viele Vorkommnisse sind für einen höchst behütet aufgewachsenen Europäer wie mich kaum begreifbar.”

Insgesamt ergibt sich jedoch eine stimmige, mitreißende und berührende Geschichte im Stil der Zeichnungen von Will Eisner mit gut platzierten, pointierten Dialogen.

Fazit: Es ist im Grunde erschreckend, dass Reinhard Kleists bereits Anfang 2015 erschienenes Graphic Novel nach wie vor nichts an Aktualität eingebüßt hat. Dass es mit einem Graphic Novel gelingt, die ganze Dramatik und die Wucht der Geschichte von Samia Yusuf Omar einzufangen, liegt an dem nüchtern-erzählenden Zeichenstil, der ein wenig wie eine sepiafarbene Version der klassischen Comics von Will Eisner erinnert. Konzentrrierte Arbeit auch im Dialog: Da bringt fast jeder Wortwechsel Schwung in die Handlung oder reichert sie an. Selbst wer keine Graphic Novels liest, sollte einen Blick riskieren – alleine schon der Geschichte wegen.

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