Mario Giordiano: “Ich langweile mich einfach schnell”

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Der Autor der “Tante Poldi”-Romane erklärt im Interview, woher seine Kreativität stammt.

Die Tante Poldi im Buch ist (mehr oder weniger) Ihrer realen Tante nachempfunden. Wie und wann entstand die Idee, ein Buch über Ihre Tante Poldi zu schreiben und das Ganze als humorvollen Krimi zu gestalten?

Ich trage mich, wie der Neffe im Buch, ja schon sehr lange mit der Idee, eine deutsch-sizilianische Familiensaga zu schreiben. Und hab’s, wie der Neffe, nie hingekriegt. Bis mir klar wurde, was mir fehlt: ein klares Genre, eine interessante Hauptfigur, eine spannende Handlung, die richtige Erzählperspektive. Also so ziemlich alles. Vor einigen Jahren kam meine Frau beim Gespräch über dieses Thema auf den Vorschlag, warum ich nicht mal was Heiteres schreibe. Und dass meine Tante Poldi sich doch ganz gut als Figur eignen würde. So entstand die Idee. Nach drei Jahren Arbeit an Apocalypsis hatte ich wirklich große Lust, mal etwas Heiteres zu schreiben.

Ihre Arbeit ist wahnsinnig vielfältig. Sie schreiben sowohl Bücher für Erwachsene als auch für Kinder und Jugendliche sowie Drehbücher, z.B. für den Tatort. Worin besteht für Sie die Herausforderung in unterschiedlichen Genres schriftstellerisch tätig zu sein?

Ich langweile mich einfach schnell und liebe Abwechslung und Veränderung. Außerdem sehe ich persönlich für meine erzählerische Arbeit gar keinen großen Unterschied in den verschiedenen Genres und Formaten. Ich erzähle die Geschichten, die ich erzählen möchte.

Arbeiten Sie zeitgleich an verschiedenen Projekten? Wie gehen Sie dabei vor?

Das lässt sich leider nicht vermeiden, wenn man Romane und Drehbücher schreibt. Film ist ein komplexer Prozess an dem viele Gewerke beteiligt sind, Drehbücher entstehen in verschiedenen Entwicklungsstufen über die jeweils immer diskutiert werden muss. Ich versuche, meine Zeit so gut wie möglich ein-zuteilen, kann aber auch nicht ganz leicht umswitchen. Meist brauche ich einen Tag um in das nächste parallele Projekt hineinzufinden. Das heißt, ich arbeite wochenweise an den unterschiedlichen Projekten. Wenn ich an einem Roman arbeite, dann nehme ich mir mehr Zeit und versuche, so wenig wie möglich parallel zu entwickeln. Sonst geht es nicht.

Lecktsmialleamarsc

Poldis Neffe schreibt auch in “Tante Poldi und die Früchte des Herrn” immer noch an seiner deutsch-sizilianischen Familiensaga und hat eine ausgewachsene Schreibblockade. Kennen Sie persönlich so etwas auch? Falls ja, haben Sie Tipps, was sich bei Ihnen in solchen Fällen bewährt hat?

Unterbrechungen des Schreibflusses gibt es regelmäßig. Meist sind das knifflige Stellen im Krimiplot, die gelöst werden müssen. Richtige Blockaden habe ich selten, die hängen dann meist mit schwierigen persönlichen Situationen zusammen. Wenn’s mal nicht läuft, hilft nur Geduld. Irgendwann kommt die Inspiration wieder. Hin und wieder gehe ich spazieren oder mache mal ganz was anderes. Manchmal muss ich mich aber auch einfach nur fokussieren. Das ist dann schwierig genug.

Die Figur der Tante Poldi erheitert die Leser immer wieder mit ihrem urbayerischen Dialekt, vor allem wenn sie, was ziemlich häufig vorkommt, in Rage gerät. Da fallen dann schon mal Wörter wie „scheiß-klumpverreckte Rotzrüben“ oder „Lecktsmialleamarsch“. Sie selbst sind gebürtiger Münchner, leben jetzt aber in Köln. Sprechen Sie (noch) Dialekt? Was gefällt Ihnen am bayerischen Dialekt bzw. der bayerischen Lebensart?

Ich bin in Bayern zur Grundschule gegangen, in der Nähe von München. Da sprach man nur bayerisch. Ich erinnere mich gut und kriege diesen geliebten Dialekt immer noch halbwegs hin. Mir gefällt einfach diese Mischung aus krachlederner Wut und barocker Lebensfreude. Das ist Tante Poldi.

Sie haben italienische Wurzeln, ihr ganzes Leben aber in Deutschland gelebt. Wann, beziehungsweise in welchen Situationen kommt der Italiener in Ihnen durch?

Schwer zu sagen. Ich merke nur immer, wann der Deutsche in Italien in mir durchbricht. Wenn vor dem Postschalter mal wieder völliges Chaos herrscht, wenn ich Sperrmüll am schönsten Strand der Welt sehe oder wenn eine Region sich durch fehlenden Gemeinschaftssinn darum bringt, ihre paradiesischen Ressourcen zu nutzen.

Die Sizilianer gehen mir nach einer Woche auf die Nerven

Wie viel Zeit im Jahr verbringen Sie auf Sizilien? Was ist für Sie das Schönste an diesen Aufenthalten?

Ich versuche, vier Mal im Jahr für jeweils eine Woche nach Sizilien zu reisen. Länger als eine Woche halte ich es meist nicht aus, dann gehen mir die Sizilianer wieder auf die Nerven. Und kaum bin ich zurück zu Hause, will ich wieder hin. Sizilien ist ein Paradies mit fatalistischen und an Krisen gewöhnten Bewohnern. Die erschüttert nichts so leicht, nicht mal ein Vulkanausbruch, das macht den Reiz aus. Die Küche ist einzigartig, und auf Schritt und Tritt begegnet man dem Mythos. Sizilien ist ein mythischer Ort, ich träume dann oft von Zyklopen und Sirenen.

Was gehört für Sie unbedingt zum „dolce vita“? Gibt es italienische Bräuche oder Angewohnheiten, die Sie auch hier in Deutschland pflegen?

Eigentlich nicht. Außer Kochen vielleicht. Denn gutes Essen und darüber zu reden ist der Grundpfeiler sizilianischer Lebensart.

Als Drehbuchautor: Könnten Sie sich eine Verfilmung von Poldis Geschichten und ihren turbulenten Ermittlungen vorstellen?

Absolut. Die Filmrechte sind bereits vergeben, die Produktionsfirma bemüht sich intensiv bei verschiedenen Fernsehsendern. Warten wir’s mal ab. Ich bin verhalten optimistisch.

Da Poldi es auch in diesem Roman, gottseidank, immer noch nicht geschafft hat, ihren ursprünglichen Plan – sich gepflegt totzusaufen – zu vollenden: Wird es ein erneutes Wiedersehen mit Donna Poldina geben?

Aber natürlich! Tante Poldi ist als Reihe angelegt, ich habe auch noch ein bisschen Stoff. Aber ich habe auch eine Vorstellung, wie diese Reihe einmal enden wird. Denn sie wird enden. Aber bis dahin wird die Poldi noch manches Gläschen trinken, manchen Fall aufklären und manchen Commissario flachlegen.

Quelle: Bastei Lübbe

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