Philip K. Dick: The Man in the High Castle

BBO-Rezension: „The Man in the High Castle“ ist bei Amazon so erfolgreich, dass bereits die zweite Staffel angelaufen ist – doch kann das Buch „Das Orakel vom Berge“ von SciFi-Kultautor Philip K. Dick als Vorlage mithalten?

Philip K. Dick gilt als einer der großen amerikanischen Science-Fiction-Autoren, dessen Verschwörungstheorien sich nicht nur in seinen Kurzgeschichten und Büchern niederschlug. So trieb der Autor mit LSD und Amphetaminen Experimente, was zwar in den sechziger Jahren zu einem Ausstoß von bis zu 60 Seiten pro Tag führte. Aber Dicks Drogenkonsum führte schließlich zu schwerer Paranoia, einem Selbstmordversuch und schließlich einem Aufenthalt in einer Entzugsklinik.

„Das Orakel vom Berge“ als Vorlage zu „The Man in the High Castle“

So kommt es oft vor, dass Philip K. Dick in seinen Romanen wenig geradlinig bleibt und eher für seine Kurzgeschichten berühmt ist. „Das Orakel vom Berge“ ist die Romanvorlage zur Amazon-Serie „The Man in the High Castle“ und wurde vom Fischer Verlag kürzlich erneut als gebundene Ausgabe mit dem Film-Artwork angepassten Cover auf den Markt gebracht.

Die Geschichte greift das bekannte Katastrophen-Szenario auf: Wir schreiben das Jahr 1962. Das Deutsche Reich und Japan haben 1947 nicht nur den Weltkrieg gewonnen, sondern die Vereinigten Staaten von Amerika unter sich aufgeteilt. Die Japaner haben auf dem Gebiet westlich der Rocky Mountains die Pazifischen Staaten von Amerika ( PSA) gegründet. Im Osten erstrecken sich weiterhin die „Vereinigten Staaten von Amerika“, jetzt aber unter deutscher Leitung. So dirigiert Herbert von Karajan die New Yorker Philharmonie, während Messerschmitt-Überschallflugzeuge den Atlantik in gerade mal 45 Minuten überqueren. Auch ansonsten hat das Nazi-Regime allerlei vor und bereits Mond und Mars besiedelt. Zur Landgewinnung soll das Mittelmeer trocken gelegt werden und man macht sich daran, die Bevölkerung Afrikas vollständig auszulöschen. Dagegen roden die Japaner gerade mal den Urwald im Amazonas-Becken und scheinen in so gut wie allem dem Größenwahn der Nazis hinterherzuhinken. Die basteln nämlich im Geheimen an der Wasserstoffbombe, mit der sie die Japaner im Erstschlag vernichten wollen. Und als Pufferzone zwischen den Mächten im Osten und Westen Amerikas liegen nur noch die RMS, die selbst verwalteten „Rocky-Mountains-Staaten“.

Autogrammkarten von Jean Harlow sind ein Vermögen wert

Vor diesem Szenario trifft der Leser auf verschiedene Personen, deren Leben in der neuen Welt beschrieben wird. Robert Childan etwa verkauft in seinem Laden American Artistic Handcrafts im Westen von Amerika seltene amerikanische Antiquitäten an reiche Japaner. Da werden sündhaft hohe Beträge für Comic-Erstausgaben, Autogrammkarten aus den 50ern oder Rekrutierungsplakate aus dem Bürgerkrieg bezahlt. Doch Childan sucht nicht nur den Gewinn, sondern auch den gesellschaftlichen Aufstieg. Er schreckt auch nicht davor zurück, hochrangigen Japanern die eine oder andere Fälschung anzudrehen.

Da kommt ihn Frank Fink gerade recht: Eigentlich ist Fink Jude, der sich mit Fälschungen von amerikanischen Antiquitäten befasst. Zu Robert Childans Kunden gehört der einflussreiche Japaner Tagomi, der die japanische Handelskommission leitet. Der ist fasziniert von der westlichen Kultur. Als Frank Finks wahre Identität auffliegt, lässt Tagomi ihn aus Verärgerung über die Deutschen laufen.

Suche nach dem Orakel

Währenddessen ist Frank Frinks Ex-Frau Juliana auf einer geheimen Odyssee: In den Rocky-Mountains-Staaten soll sich der Autor des verbotenen Buchs „Die Plage der Heuschrecke“ verbergen. Das mystische Werk weist auf eine Parallelwelt hin, in der nicht die Deutschen und Japaner die Welt beherrschen. Juliana schließt sich ausgerechnet dem Trucker Joe Cindella an, mit dem sie den Autor Hawthorne Abendsen besuchen will. Das passt Cindella hervorragend in den Plan, da er Killer von den Nazis angeheuert wurde, um den aufrührerischen Autor zu töten. Doch der angebliche Trucker hat nicht mit den Qualitäten der Judolehrerin gerechnet…

Die Zukunftsvision von Philip K. Dick wirkt zu wenig durchdacht

Fazit: Nach der Lektüre von „Das Orakel vom Berge“ wird klar, warum sich die Macher von „Matrix“, „Bladerunner“ oder eben auch „The Man in the High Castle“ so ungeniert an den Motiven von Philip K. Dick orientieren. Der Autor ist Vordenker faszinierender Zukunftsszenarien, aber kein klassischer Romanautor. So liefert auch „The Man in the High Castle“ ein Panoptikum an Eindrücken des von den Achsenmächten besetzten Amerika durchaus mit erzählerischer Komponente. Allerdings bleibt die Vorlage für sich alleine unbefriedigend, da sich keine durchgehende Geschichte entwickelt. Die Zukunftsvision wirkt dagegen in weiten Teilen wenig durchdacht und teils grotesk abstrus. Beispiel: Die Nazis, die schon aus Propaganda-Gründen im Krieg die Entwicklung von Volksempfängern und Fernsehen vorantreiben, besiedeln in den 60er Jahren zwar den Mars. Aber Berlin schafft es bislang nur, vier Stunden TV-Programm in den USA auszustrahlen. Der erste eigene amerikanische TV-Sender ist sogar erst 1970 geplant.

Die TV-Serie übernimmt vermutlich deswegen nur die übergelagerten Motive von Dicks Erzählung. Das Buch ist empfehlenswert für Fans, die mehr Hintergrund zum Universum der Amazon-Serie lesen möchten. Das Zukunftsszenario eines von den Achsenmächten gewonnenen Krieges wird aber zum Beispiel von Robert Harris in „Vaterland“ einfach spannender und glaubwürdiger erzählt.

„The Man in the High Castle – Das Orakel vom Berge“ ist bei Fischer erschienen (416 Seiten/12 € gebunden/9,99 € E-Book).

 

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