Blake Crouch: Dark Matter

BBO-Rezension: Blake Crouch legt mit „Dark Matter“ einen ungewöhnlichen Thriller um Paralleluniversen vor.

In der Geschichte geht es um College-Professor Jason Dessen. Der Physiker ist heute nur einer von vielen Wissenschaftlern, hätte aber das Zeug zu einem Nobelpreisträger gehabt. Doch das Schicksal meinte es anders mit Jason: Er lernte seine Frau Daniela kennen und statt sein vielversprechendes Projekt zur Erforschung von Paralleluniversen mit der nötigen Ernsthaftigkeit weiter zu verfolgen, bekommen sie ihren Sohn Charlie.

Karriereknick für das Familienglück

Jason verliert seine Forschungsgelder und wirkt fortan als Dozent. Doch auch Daniela gibt ihre Karriere als Malerin auf. Trotzdem führen die drei ein zwar ruhiges, aber glückliches Leben. Hin und wieder scheint es jedoch an Daniela zu nagen, wenn alte Freundinnen neue Galerien eröffnen oder erfolgreiche Vernissagen abhalten.

Insgeheim blickt auch Jason nicht ohne Neid auf seinen ehemaligen Studienkollegen. Ryan Holder war zwar immer unglücklich in Daniela verliebt, hatte es dann aber zum umjubelten Wissenschaftler geschafft, und zwar ausgerechnet mit einer Weiterentwicklung von Jasons Forschungen. Er selbst hatte damals die Viele-Welten-Theorie des amerikanischen Physikers Hugh Everett untersucht.

Diese nimmt an, dass jede mögliche Vergangenheit und jede mögliche Zukunft tatsächlich in einer unendlichen Anzahl in Paralleluniversen existieren. Nur sehen Menschen diese Paralleldimensionen aufgrund ihrer beschränkten Wahrnehmungsgabe nicht.

Der US-Physiker Michio Kaku vergleicht Menschen mit Karpfen in einem Teich. Der Karpfen nimmt ausschließlich den Teich wahr und hält ihn deswegen für das gesamte existierende Universum. Erst wenn man ihn aus dem Teich herausheben würde, könne er die vielen anderen Teiche sehen, die neben dem eigenen Teich liegen.

Entführung aus dem Paradies

Eines Abends wird Jason jedoch entführt und unter Drogen gesetzt. Der maskierte Täter zwingt ihn, andere Kleidung anzuziehen, bevor er zusammen bricht. Er wacht in einem unterirdischen Forschungslabor auf, in dem ihn alle zu kennen scheinen. Wissenschaftler, die sich als seine Kollegen ausgeben, begrüßen ihn begeistert: Er sei seit Beginn des Experiments vierzehn Monate verschwunden gewesen. Jason ist überzeugt, nicht der zu sein, für den ihn seine angeblichen Kollegen halten. Zunächst spielt er das Spiel mit und gibt vor, durch das ihm immer noch unerklärliche Experiment eine Amnesie zu haben.

Eine parallele Existenz

Aber die Situation bleibt für ihn rätselhaft. Schließlich flieht Jason aus der bewachten Forschungseinrichtung. Sein erster Weg führt in nach Hause. Doch er erkennt, dass sein Haus zwar seinem Haus ähnlich zu sein scheint, aber völlig anders eingerichtet ist. Und: Keine Spur von Daniela oder Charlie. Bald hat Jason die Verfolger des Labors an den Fersen. Angeblich will man ihm helfen, die Nachwirkungen des Experiments zu verarbeiten, doch Jason fürchtet um sein Leben, wenn er für die Wissenschaftler nicht mehr nützlich ist.

Jason Dessen macht sich nun auf Spurensuche. Tatsächlich spürt er Daniela unter ihrem Mädchennamen auf. Sie ist eine gefeierte Künstlerin in der Szene von Chicago. Plötzlich wird Jason klar: In dieser Welt haben sich er und Daniela nie kennengelernt, und sie haben auch keinen Sohn. Statt dessen sind sie beide als Singles in den Berufen erfolgreich, so wie sie es zu Beginn geplant hatten. Und obwohl Jason jetzt selbst ein gefeierter Wissenschaftler ist und Kumpel Ryan den Dozentenjob hat, sind die beiden nicht glücklich – jedenfalls nicht so, wie sie es als Familie waren.

Zurück ins alte Leben

Jason hat nur ein Ziel. Er will sein altes Leben zurück. Und das geht nur, wenn er herausfindet, welche Rolle er in dem Labor gespielt hat. Jason wird klar, dass er offenbar in dieser Welt einen Kubus erfunden hat, der Zugang zu parallelen Universen mit jeweils seiner eigenen alternativen Existenz ermöglicht. Doch selbst wenn er die Funktion des Kubus versteht: Wie soll er unter den unendlich vielen Paralleluniversen sein altes Leben wiederfinden?

Blake Crouch liefert eine komplexe Intrige

Fazit: Blake Crouch hat mit „Dark Matter“ einen ungewöhnlichen Thriller-Plot entworfen. Auf Basis der Multiversum-Theorie veranstaltet der Autor eine Schnitzeljagd durch verschiedene Paralleluniversen, die den Leser förmlich durch die ersten 200 Seiten rasen lässt. Danach flacht die Spannung allerdings zusehends ab. Jason Dessen schaut mal hier, mal da in ein Paralleluniversum, in dem die vertrauten Erinnerungen nur ein wenig verschoben zu sein scheinen, oder aber sich die Welt in ein komplettes Katastrophengebiet verwandelt hat.

Diese Ausflüge bergen überflüssige Gefahren für den Helden, bringen die Geschichte selten voran und strecken das Buch um gut 100 Seiten unnötig in die Länge. Am Schluss zieht Crouch die Geschwindigkeit wieder an, als klar wird, dass es ja von der Logik her in jedem Paralleluniversum einen weiteren Jason Dessen geben muss und dass sich beide irgendwann begegnen.

„Dark Matter“ für Fans von „Inception“

Die Geschichte von „Dark Matter“ setzt allerdings voraus, dass man die Theorie existierender Multiversen, die im Roman Realität wird, zunächst einmal akzeptiert. So gelingt Blake Crouch eine mitreißende und überraschende Geschichte, deren Pointe lange nachhallt. Fans von „Inception“ oder auch „Matrix“ werden ihre helle Freude an „Dark Matter“ haben.

Dark Matter“ ist bei Goldmann erschienen (416 Seiten, 16 € broschiert/12,99 € E-Book/14,49 € Audio-CD).

 

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