Arno Strobel: You are wanted

BBO-Rezension: Arno Strobel hat für die TV-Serie „You are wanted“ von Matthias Schweighöfer den Roman beigesteuert. Wir zeigen, ob das Experiment gelungen ist.

Matthias Schweighöfer ist mittlerweile nicht nur einer der erfolgreichsten deutschen Schauspieler, sondern versucht sich jetzt als Regisseur und Drehbuchautor seiner neuen Amazon-Serie „You are Wanted“. Mit Arno Strobel konnte Schweighöfer einen der renommiertesten Thriller-Autoren gewinnen, um den Roman zur Serie zu schreiben.

Besäufnis in der Dunkelheit

Die Story: Lukas Franke könnte eigentlich ganz zufrieden sein. Als Hotelmanager betreut er die Event-Sparte und kümmert sich um Kongresse und Parties im Haus. Seine Frau Hanna und Söhnchen Leon sind sein Ein und Alles. Als in ganz Berlin plötzlich das Licht ausfällt, steht der Kongress, den Franke gerade ausrichtet, vor dem Chaos. Er meint die rettende Idee zu haben und öffnet die Bar für die erbosten Kongressteilnehmer.

Dass diese Aktion sich in einer Rechnung in Höhe von 20.000 Euro niederschlägt und nur bedingt die Zustimmung der Hotelleitung findet, ist bald das geringste Problem von Franke. Er wird in seltsame WhatsApp-Gruppen transferiert, erhält merkwürdige Nachrichten und plötzlich treffen Sendungen von Elektronikbauteilen bei ihm zuhause ein, die er nicht bestellt hat. Dann wird ihm auf Knopfdruck eines Unbekannten hin ein Verhältnis untergejubelt. Obwohl bereits unbekannte Abbuchungen auf dem Konto sind, wendet sich der Held nicht etwa an die Polizei oder an die Bank. Vielmehr will er über einen mit seinem Bruder befreundeten Hacker dem Übeltäter selber auf die Spur kommen.

„You are Wanted“ bleibt weitgehend frei von Logik

Mittlerweile interessiert sich jedoch bereits die Polizei für Lukas Franke. Man führt mit ihm ein sogenanntes „Gefährdergespräch“, in dem er davor gewarnt wird, einen Bombenanschlag zu verüben. Der Polizei liegen nämlich Aufnahmen aus einer Überwachungskamera vor, wo er in einem Baumarkt bombengeeignete Chemikalien kauft. Das Problem: Lukas Franke war niemals in diesem Baumarkt. Dass Franke vor Jahren einmal Psycho-Pillen wegen einer Depression nehmen musste, kommt der Polizei natürlich erst recht verdächtig vor. Warum das so war, erfährt der Leser allerdings nicht.

Als der unbekannte Hacker mit weiteren Enthüllungen innerhalb der Familie droht, transportiert Lukas Franke auf Geheiß des Unbekannten ein geheimnisvolles Päckchen per Flugzeug von Berlin nach Frankfurt. Und der Hotelmanager nimmt dem Erpresser einfach mal so ab, dass danach die Erpressung aufhört. Eigentlich muss jedem Einfaltspinsel klar sein, dass Lukas Franke allerhand in die Schuhe geschoben werden soll – außer eben Lukas Franke selbst…

Arno Strobel vs. Matthias Schweighöfer

Fazit: Irgendwie mag man Arno Strobel, der doch wirklich ein guter Thriller-Autor ist, dieses klischeebeladene Büchlein gar nicht in die Schuhe schieben. Das Problem ist wohl vielmehr, dass sich Strobel am Drehbuch von Matthias Schweighöfer orientieren musste. Nur so ist dieser streckenweise wirre, charakterarme und unlogische Roman zu erklären. Doch der Reihe nach.

Zunächst einmal beginnt die Erzählung – abgesehen von dem schon fast genre-üblichen üblichen Grusel-Prolog mit Leiche – ziemlich langweilig. Die Erpressung des Lukas Franke hält sich bis fast zur Hälfte des Romans auf dem Niveau eins Dummen-Jungen-Streichs. Die Figuren bleiben spärlich beschriebene, skizzenhaft wirkende Akteure, die über das ganzer Buch hinweg keinerlei Emotionen wecken. Wer nicht wirklich Matthias Schweighöfer vor Augen hat, wird sich mit dem Roman alleine nicht einmal eine ungefähre optische Vorstellung von Lukas Franke machen können.

Dass aufgrund des zunächst lächerlich erscheinenden Hacker-Streichs trotzdem eine Geschichte zustande kommt, liegt an der beispiellosen Dummheit des Helden. Der geht nämlich einfach nicht zur Polizei, sondern macht konsequent das Naivste, was man machen kann. Der Transport eines Päckchens mit unbekanntem Inhalt im Auftrag des unbekannten Auftraggebers per Flugzeug ist da nur die Spitze des Eisbergs. Passend dazu wissen BKA-Ermittler dann aber nicht den Unterschied zwischen einer IP-Adresse und einem lebenden Menschen und sind genauso wie Lukas Franke: Dumm wie Brot.

Hacker als übermächtige Zauberer

Ganz anders die Hacker. In „You are wanted“ kann jede noch so undurchdringliche Tür, jede Sicherheitskamera und natürlich jeder Lebenslauf gehackt werden. Das mag in dem über 20 Jahre alten Will-Smith-Thriller „Staatsfeind Nr. 1“ noch funktioniert haben, einfach, weil es besser und actionreicher verpackt war. In „You are wanted“ aber stehlen sich aber die Autoren aus der Verantwortung, einen Plot wirklich logisch zu durchdenken. Die Krankenhaustür ist zu? Franke lädt schnell eine Hacker-App und öffnet die Tür. Wie taucht Franke plötzlich als Käufer von Sprengstoffzutaten in einer Überwachungskamera auf? Die wurde gehackt. Und die Bestellung von Bombenbauteilen? Natürlich ein Hack. Diese Zaubertricks sind viel zu einfach und lassen irgendwann keinen nachvollziehbaren Handlungsablauf mehr zu.

Bis zur Hälfte des Buches haben die logischen Fehler, die eindimensionalen Figuren und das unglaubwürdige Verhalten der Akteure viel von der Lust am Lesen genommen. Dann kommt etwas Spannung auf, da Arno Strobel mit einigen schönen Actionszenen endlich Gas gibt. Insgesamt bleibt „You are wanted“ aber weit hinter Strobels Standard. Allenfalls für Fans der Serie geeignet.

You ware wanted“ ist bei Amazon Publishing erschienen (270 Seiten, Taschenbuch 9,99 €/Kindle 4,99 € oder Kindle Unlimited gratis).

 

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