Sebastian Fitzek: AchtNacht

BBO-Rezension: Den neuen Thriller „AchtNacht“ von Sebastian Fitzek liest man nicht etwa in acht Nächten, sondern in einer. Und doch ist der Roman völlig anders als Fitzeks bekannte Serienkiller-Epen.

Sebastian Fitzek hat einigermaßen überraschend nur sechs Monate nach „Das Paket“ mit „AchtNacht“ einen neuen Thriller vorgelegt, in dem es diesmal nicht um einen irren Serienmörder geht. Vielmehr spielt Fitzek mit einer inoffiziellen, über die sozialen Netzwerke propagierten Todeslotterie. An dessen Ende wird ein Bürger für vogelfrei erklärt. Der „AchtNächter“ darf nicht nur straffrei umgebracht werden, sondern der Hobby-Henker kassiert dafür sogar noch ein saftiges Preisgeld in Millionenhöhe. Die Wahl fällt auf einen gewissen Benjamin Rühmann. Und wenn jemand sein Leben nicht im Griff hat, dann ist es ebendieser abgehalfterte Musiker. Der hat sich ausgerechnet kurz vor dem ersten Hit von seiner selbst gegründeten Band verabschiedet, lebt in Trennung von seiner immer noch geliebten Frau und hat einen schweren Verkehrsunfall zu verantworten, der seine Tochter für immer an den Rollstuhl gefesselt hat.

Die „AchtNacht“ wird zum Massenphänomen

Zwar nehmen zunächst nur wenige diese Todeslotterie ernst, doch Rühmann wird durch eine perfide Erpressung dennoch Ziel der Hetzjagd. So loggt sich ein Unbekannter in seinen Facebook-Account ein und bezichtigt sich selbst unter anderem des Kindesmissbrauchs. Damit wird die AchtNacht plötzlich zum Massenphänomen, als sich die Aussicht auf den Millionengewinn mit der sich immer weiter verbreiteten Erkenntnis paart, dass es bei der Hinrichtung ja zumindest keinen Falschen trifft.

Allerdings ist Benjamin Rühmann nicht allein. Als zweite Todeskandidatin ist die 24jährige Psychologie-Studentin Arezu Herzsprung gewählt worden. Die Wege der beiden kreuzen sich nicht unabsichtlich. Arezu will Rühmann stellen, da sie hofft, mit ihm gemeinsam die AchtNacht stoppen zu können. Tatsächlich wird aus den beiden ein Team wider Willen, das der reine Überlebensinstinkt eint. Und: Der Erpresser lässt nicht zu, dass die beiden sich einfach verstecken. Vielmehr stellt der Unhold groteske Aufgaben, die Ben und Arezu in der Öffentlichkeit zu erfüllen haben und versäumt es freilich nicht, den Lynchmob über das Internet auf die Fährte der Flüchtigen zu bringen.

Sebastian Fitzek ist diesmal anders spannend

Fazit: Bücher von Sebastian Fitzek sind Popcorn-Kino zum Lesen. Da macht auch „AchtNacht“ keine Ausnahme, und setzt ein gewisses Maß an Leidensfähigkeit voraus, was Glaubwürdigkeit und Logik betrifft. So muss der Leser von „AchtNacht“ schon mal die vollständige Abwesenheit des Rechtsstaats ebenso akzeptieren wie die übliche Extrapolation der Wirklichkeit, wenn sich etwa der Protagonist mit zahlreichen Knochenbrüchen behände in den Kampf stürzt. Dass in „AchtNacht“ zum genau falschen Zeitpunkt mitten in Berlin kein Handyempfang herrscht, ist das inhaltlich passende Pendant zum ewig nicht anspringenden Auto im Actionfilm. Aber: Diese Kniffe funktionieren in jedem Film, und auch in „AchtNacht“.

Der Unterschied zu den anderen Büchern von Sebastian Fitzek besteht darin, dass die Täterfrage in den Hintergrund rückt. Die „AchtNacht“ ist zeitlich begrenzt, so dass sich das Problem erledigt, sowie die Protagonisten den entsprechenden Zeitraum überstanden haben. Daher gibt es in der Geschichte abgesehen vom Finale kaum überraschende Wendungen; das Geschehen konzentriert sich auf die Action. Da wäre mehr drin gewesen, wenn man mit Titeln von Douglas Preston/Lincoln Child oder auch James Patterson vergleicht. Der Held entkommt praktisch immer durch Zufälle oder einen deus ex machina in Form von Geheimgängen, geradezu magisch anmutenden Internet-Hacks oder der dann doch mal zufällig auftauchenden Polizei.

Das Beste kommt zum Schluss

Die Stärken von „AchtNacht“ sind dagegen typisch für den Autor. Kaum einer schafft es wie Sebastian Fitzek, den Leser für eine Geschichte derart zu vereinnahmen. Obwohl sich „AchtNacht“ nicht auf die Tätersuche konzentriert, bleibt die Story unvermindert spannend – auch deshalb, weil man mit der stets zunehmenden Absurdität der Geschehnisse immer mehr auf eine nachvollziehbare Lösung hofft. Die Überraschung am Schluss ist Fitzek dann schließlich durchaus gelungen.

„AchtNacht“ ist anders als alle anderen „Fitzeks“ zuvor, und ist dennoch ein Fest für Fans: Der Schreibstil ist treibend, die Handlung überstürzt sich, und an Schockeffekten herrscht wahrlich kein Mangel. Ein guter Schmöker für Freunde konsequenter, schnörkelloser Spannungsliteratur.

AchtNacht“ ist bei Droemer Knaur erschienen (416 Seiten, 12,99 € broschiert/8,99 € E-Book).

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