Wälzer der Woche: „Ragdoll“ von Daniel Cole

Daniel Cole, Ragdoll, Rezension
Cover: Ullstein Buchverlage

BBO-Rezension: Daniel Cole legt mit „Ragdoll“ sein Erstlingswerk vor und überrascht mit einem clever aufgebauten und mitreißend inszenierten Thriller.

Nach Klappentext wirkt der erste Roman von Daniel Cole wie ein Standard-Thriller mit einem guten Schuss Leichenporno – aber bald wird klar, dass Sie nach einem Spannungstitel wie „Ragdoll“ lange suchen werden.

„Ragdoll“ ist der Start einer Serie rund um den Scotland-Yard-Ermittler Wolf, der als tickende Zeitbombe mit Hang zur Selbstjustiz stets am Rande der Suspendierung, wenn nicht mit einem Bein im Knast ist. Die Geschichte von „Ragdoll“ beginnt mit einer Rückblende, nämlich genau zu dem Tag, an dem der berühmte Beamte ausgerechnet in aller Öffentlichkeit die Kontrolle verliert.

In „Ragdoll“ wird´s nicht nur für die Opfer brenzlig

Wolf entschließt sich kurzerhand, einen von ihm gefassten, aber nun doch freigesprochenen Serienmörder noch im Gericht selbst hinzurichten. Der spontan gefasste Plan geht schief; Wolf wird suspendiert und öffentlich mit Schimpf und Schande aus der Behörde gejagt. Erst als der Serienmörder, der als „Feuerbestatter“ durch die Presse ging, inflagranti mit dem nächsten Opfer erwischt wird, schlägt die Stimmung um.

Daniel Cole, Ragdoll, Rezension
Daniel Cole wurde 1983 geboren. Er hat bisher als Sanitäter, Tierschützer und für die britische Seenotrettung gearbeitet. Er lebt im sonnigen Bournemouth in Südengland und ist meist am Strand anzutreffen, obwohl er eigentlich an seinem nächsten Buch schreiben sollte. Es sind zwei Nachfolger zu „Ragdoll“ geplant. Die Verfilmung ist in Vorbereitung. Foto: Ellis Parrinder

Das ist auch gut so, denn das Morddezernat steht wieder vor einem kniffligen Fall, zu dem man Wolfs Hilfe braucht. Man findet in der Nähe seiner Wohnung eine groteske Leiche, die bei näherer Betrachtung aus sechs Leichenteilen zusammengesetzt ist. Am Tatort lernt der Leser Wolfs aus verschiedensten Charakteren zusammengewürfeltes Ermittlerteam kennen. Da ist zunächst die bärbeißige, vor Zynismus nur so strotzende Kommissarin Emily Baxter, die beim Anblick der bizarren Leiche mehr an die Karrierewürdigkeit des Falls als an die Opfer zu denken scheint. Und doch ist sie heimlich glühend in Wolf verliebt. Der nagt aber immer noch an seiner zerbrochenen Ehe mit Andrea, die Wolf als TV-Kommentatorin mal freiwillig, mal unfreiwillig das Leben schwer macht. Zu allem Überfluss müssen Wolf und Baxter noch Edmunds beschäftigen, einen jungen Quereinsteiger aus dem Betrugsdezernat, der zwar fleißig, aber unerfahren ist.

Die „Ragdoll“ ist nur ein Zeichen

Wolf erkennt schnell, dass die Leiche nur ein Zeichen ist. Der Kopf stammt ausgerechnet vom „Feuerbestatter“, den Wolf damals dingfest gemacht hatte, und die Leiche zeigt mit dem Finger auf das gegenüberliegende Fenster von Wolfs Wohnung. Schnell wird klar, dass der Rest der Leiche aus Teilen anderer Menschen zusammen genäht wurde, die alle etwas mit Wolf zu tun hatten.

Noch beunruhigender: Der Mörder ist mit seiner Arbeit noch nicht fertig. Auf einer Liste sind sechs Namen mit Datum und Todeszeitpunkt notiert. An Position Nummer 1 ist der Londoner Bürgermeister, der Wolf nach seinem Attentat auf den „Feuerbestatter“ besonders rüde verunglimpft hatte. An Position sechs steht Wolf selbst. Nun beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, aber auch mit der Intelligenz des Täters. Der ist nämlich in der Lage, sein erstes Opfer trotz des Polizeischutzes durch einen perfiden Trick ins Jenseits zu befördern. Noch dazu funkt Wolfs Ex-Frau mit Sensationsberichten dazwischen. Sie wird vom Mörder als einzige kontaktiert und fungiert aus Karrierestreben fast schon wie eine PR-Agentur für den Killer. So schreckt Andrea nicht einmal davor zurück, Todesuhren im Fernsehen zu zeigen oder Interviews mit den auf der Liste befindlichen Todeskandidaten zu führen.

Liefert Daniel Cole das Thriller-Debüt des Jahres?

Fazit: Man glaubt ja, schon so ziemlich alles im Thriller-Bereich vom Leichenporno bis zum menschelnden Kammerspiel gelesen zu haben. „Ragdoll“ ist anders als so ziemlich jeder Thriller, der in den vergangenen Jahren erschienen ist. Ja, auch hier werden die Seelenqualen der Ermittler dargestellt, und auch hier wird nicht mit grausamen Details gespart. Was „Ragdoll“ ausmacht, ist einerseits die einzigartige Kombination des „Zynikerclubs“. Wolf, Baxter, Edmunds und Wolfs Ex-Frau Andrea kochen nicht nur ihr eigenes Süppchen, sondern machen dadurch den Fall erst wirklich dramatisch. Insbesondere mit Andreas TV-Reportagen wird der Fall zum Minenfeld. Innerlich ist sie zwar Wolf verbunden, aber derart auf ihre Karriere fixiert, dass sie zum unpassendsten Zeitpunkt geheime Ermittlungsdetails veröffentlicht.

Ebenfalls perfekt inszeniert: Die mal spannenden, mal komischen, aber stets mitreißenden Dialoge. Daniel Cole lässt es hier nicht plätschern, sondern er treibt mit jedem Wort die Handlung voran oder charakterisiert seine Figuren. Dazu trägt freilich viel die hervorragende Arbeit von Übersetzerin Conny Lösch (Ian Rankin, Don Winslow) bei. Es gelingt ihr, die Wortgefechte mit all den kleinen Gemeinheiten oder auch den emotional-derben Ausfällen in allen unterschiedlichen Tonalitäten verlustfrei ins Deutsche zu übertragen.

Perfekte Übersetzung

„Ragdoll“ glänzt aber nicht nur durch einzigartig exzentrische Charaktere, die es locker mit einer Irren wie Lisbeth Salander aufnehmen können. Auch die Lösung des clever konstruierten Verbrechens ist kaum vorhersehbar. Umso mehr darf man gespannt sein, wie es mit Kommissar Wolf weitergeht. Einer der besten neuen Thriller, die Sie zur Zeit kaufen können!

„Ragdoll“ ist bei Ullstein erschienen (480 Seiten, 14,99 € broschiert/4,99 € E-Book).

 

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