Wälzer der Woche: „Cox oder der Lauf der Zeit“ von Christoph Ransmayr

Dass „Cox oder Der Lauf der Zeit“ von Christoph Ransmayr kein Feuilleton-Hype, sondern ein hervorragender Historienroman ist, zeigt die BBO-Rezension.

Im 18. Jahrhundert hat es der britische Uhrmacher und Automatenbauer Alister Cox zu beträchtlichem Reichtum gebracht. Als Herr über 900 Uhrmacher, Feinmechaniker und Gold- und Silberschmieden in drei Manufakturen beliefert er nicht nur reiche Bürger, sondern den gesamten Adel vom britischen Königshaus bis zum Zarenhof.

Cox ist innerlich gebrochen

Doch im Grunde ist Cox ein gebrochener Mann: Seine Frau Faye, die ihn nie geliebt und deren Heirat er aufgrund seines Standes erzwungen hat, spricht seit dem Tod der einzigen Tochter Abigail nicht mehr. Der Meister-Uhrmacher hofft, sein Schicksal nach seiner Rückkehr als gemachter Mann wenden zu können.

Doch das persönliche Unglück tritt zunächst in den Hintergrund, als er vom Kaiser von China gegen fürstliches Entgelt eingeladen wird, in der Verbotenen Stadt die bislang spektakulärsten Uhren zu bauen, die es jemals gegeben hat.

Mit gemischten Gefühlen schifft sich Cox mit vier seiner besten Uhrmacher nach Peking ein. In der Verbotenen Stadt leben und arbeiten die vier Briten wie im Goldenen Käfig. Der schier unermessliche Reichtum und Prunk steht in krassem Gegensatz zur unumschränkten, stets präsenten Macht des selbst für die Hofschranzen weitgehend unsichtbaren Kaisers Qiánlóng.

Wer die zahlreichen, oft undurchschaubaren Regeln bei Hofe bricht, wird mit dem Tod bestraft. Dabei ist der grausame Einfallsreichtum des Kaisers schrankenlos: Vom Ausgießen der Augenhöhlen mit Blei etwa für das Betrachten einer kaiserlichen Konkubine bis hin zur Verstümmelung zweier irrenden Astronomen, die sich bei ihren Qualen betrachten müssen, gibt es keine Grenzen.

Tödliche Gefahr in der Verbotenen Stadt

Noch dazu verliebt sich Cox in die kaiserliche Lieblings-Konkubine – die Strafe nur für einen begehrlichen Blick auf die Schöne dürfte einen langsamen Tod von nicht zu übertreffender Perfidität zur Folge haben.

Aber dem Uhrmacher-Quartett droht eine noch viel größere Gefahr. Zunächst stoßen zwei ungeheuer prächtige Uhren auf des Kaisers Wohlwollen. Dann aber verlangt der Kaiser ein wahres Teufelswerk: Eine Uhr, die ewig schlägt und nie aufgezogen werden muss. Die Briten kommen auf die Idee, ein derartiges Perpetuum mobile mit Hilfe von Quecksilber zu erschaffen, das die eigene Masse ständig aufgrund des Luftdrucks verändert.

Joseph Kiang, der Übersetzer der Engländer, ist jedoch entsetzt: Damit begeben sich die Engländer in Todesgefahr, denn Qiánlóng ist nicht nur Herrscher der Welt, sondern beherrscht auch die Zeit. Und was würde ein so absoluter Herrscher wie Qiánlóng wohl mit vier ausländischen Handwerkern anstellen, die einen Apparat mit mehr Macht als der Kaiser selbst erschaffen können?

„Cox oder Der Lauf der Zeit“ ist ein weiteres Meisterwerk von Christoph Ransmayr

Christoph Ransmayr orientiert sich bei „Cox oder Der Lauf der Zeit“ an historischen Eckdaten. So ist Alister Cox nach dem englischen Meister-Uhrmacher James Cox gestaltet, der tatsächlich mit seinem Kompagnon Joseph Merlin an der Perpetual Motion gearbeitet hat. Die China-Reise selbst ist allerdings Fiktion, obwohl die Uhrensammlung in der Verbotenen Stadt tatsächlich einen gesamten Pavillon füllt.

Sprachlich bleibt Christoph Ransmayr seinem Stil treu: Er bildet trotz eines relativ einfachem Aufbaus lange Sätze und verwendet in der wörtlichen Rede keine Anführungszeichen. Das ist nicht jedermanns Sache, aber dennoch bleibt die Erzählung stets nachvollziehbar.

Fazit: „Cox oder Der Lauf der Zeit“ ist große Literatur für Menschen, die nicht nur Spaß an einer gepflegten Sprache haben, sondern eine intelligente Geschichte mögen. Aber: Natürlich muss man Ransmayrs Stil mit ausladenden Sätzen mögen. Dann ist es schwer, das Buch aus der Hand zu legen, obwohl der Autor kein einziges Mal abgegriffene Cliffhanger bemüht. Man fiebert stets mit, da sich die Uhrmachertruppe rund um Cox im Kaiserpalast auf äußerst dünnem Eis bewegt. Immer wieder droht das Quartett in Ungnade zu fallen, sei es aus Naivität, Zufall oder als Ergebnis einer Palastintrige. Dass Christoph Ransmayr seine Geschichte noch mit einer cleveren Pointe krönt, unterstreicht erneut die Einzigartigkeit des Autors.

Cox oder Der Lauf der Zeit“ ist bei Fischer erschienen (302 Seiten,22 € gebunden/19,99 € E-Book).

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